Home
Impressum
RUTH FLEIGS GALERIE
Schulkinder malen
Bilderbuch Rob. Rabe
Kritzel-Kratzel
HORST FLEIGS TEXTE:
I  Philosophica
II  Reiseberichte
III Zu Wim Wenders
IV Film und Kindheit
V Mitschüler/Schulen
VI GERMANISTICA
A Der alte Goethe
B Zu Theodor Fontane
C Zu »Bonaventura«
D Zu Aug. Klingemann
Inhaltsübersicht
Forschung seit 1973
Kandidatenreigen
Sprachstatistiken
K-s Artikel und ›Nw‹
Datierungstabelle
Arnims Nachtwache
Nacht bei Klingemann
Pseud. Bonaventura
Demiurg Shakespeare
Maske »Nihilismus«
»Parallelen«-Debakel
Mimetisches Genie
Prometheus Theater
Braunschweiger Vita
Vampirismus
Lieblingsort Dom
Der Friedhof
Freimaurer Lestwitz
Collegium Medicum
Leisewitz
Freigeist Lessing
Collegium Carolinum
Alessandro-Kreuzgang
Student in Jena
Der Domfriedhof 1973
Drei Rezensionen
Ruth Haag 1987
Kunstfehde/Werdegang
>Die Erscheinung<

KREUZGANGS BRUDERGESTALT ALESSANDRO. ATHEISMUS DER SELBSTVERGOTTUNG
_________________________________________________________________


Der Buchtitel »Die Ruinen im Schwarzwalde« zielt zunächst auf das vor­der­grün­di­ge Leserinteresse und meint hier das Schau­er­re­qui­sit einer alten ver­las­se­nen Vil­la, in der die geheimen politischen Aktionen zu­sam­men­zu­lau­fen schei­nen. Es ist das Ver­steck des ge­flüch­teten Fürsten, aus dem er sich von Zeit zu Zeit als gei­ster­haf­te Er­schei­nung wie aus dem Erd­bo­den er­hebt; sel­ber nennt er sich ei­nen »To­ten«, ver­ste­he es Ge­sichts­zü­ge zu deu­ten, sei in die ge­hei­lig­ten My­ste­ri­en ein­ge­weiht und ver­mö­ge die Grä­ber zu »zer­spren­gen« (wo­mit er auch die eigene po­li­ti­sche Wie­der­er­ste­hung an­spricht).228) Trägt sei­ne ma­gi­sche »Ru­i­nen«-Ex­i­stenz we­sent­liche Züge von Kreuz­gangs Vater, dem Al­chy­mi­sten und Teu­fels­ban­ner, so be­rei­tet Ales­san­dros Le­bens­tragödie den me­ta­phy­sisch in­tran­si­gen­ten, den Tod nicht länger ver­klä­ren­den »Ni­hi­lis­mus« Kreuz­gangs vor, der sich zum In­di­vi­du­um als dem einzigen und immerfort ver­nich­te­ten Sinn­schöpfer be­kennt.

   Das »Cha­mä­le­on« Ales­san­dro findet sich in sei­nem küh­len Dop­pel­spiel mit dem mensch­li­chen Le­ben zu­letzt sel­ber matt­ge­setzt und hat in seiner Läh­mung wie Kreuz­gang dem Ster­ben an­de­rer zu­zu­se­hen.

 

Diese tiefe Verwirrung und Lähmung schreibt Klingemann immer bewuß­ter dem destruktiven Po­ten­ti­al der Trans­zen­den­tal­phi­lo­so­phie zu (schon aus Alessandros Monologen blickt am deut­lich­sten Fich­tes Po­si­ti­on her­vor). Wo der Er­zäh­ler der »Ru­i­nen« selber sich einmal mit der Prä­mis­se mel­det: »In uns al­lein liegt un­ser Him­mel und unsere Höl­le au­ßer uns ist es öde und leer ... die Got­heit ist un­ser, ge­ben wir uns auf, so läug­nen wir Gott«,229) da muß Ales­san­dros gei­sti­ge Tap­fer­keit (»Ich wol­te den Him­mel er­stür­men«)230) wie später Kreuzgangs Eroberungswut (»Pan­the­on«) ins Lee­re sto­ßen; da muß­te gei­stes­ge­schicht­lich eine neue Variante des Atheismus Epoche machen, in­dem auch die­ses Selbst als er­klär­te neue Gottheit der Kritik nicht stand­hielt. Oder doch seinerseits nur erneut durch ei­nen (psy­cho­lo­gi­schen) Glau­bens­akt zu kon­sti­tu­ie­ren gewesen wä­re, wie Ales­san­dro dies im Gebet an sich selbst an­deu­tet und wi­der­ru­fen muß: Das Ver­trau­en in das mensch­liche Selbst war durch trans­zen­den­ta­le Be­grün­dun­gen und selbst Ge­wis­sens­im­pe­ra­ti­ve nicht mehr her­zu­stel­len, wenn für je­man­den wie Klin­ge­mann so­fort auch die Ent­wick­lungs­ge­schich­te des Men­schen an Ge­wicht ge­wann, die als Fremd­be­stim­mung er­lebte Na­tur­ge­schich­te, die Un­ab­ge­schlos­sen­heit und im be­son­de­ren der Zer­fall je­der In­di­vi­dualgeschichte. Traumhaft sicher ver­folg­te der jun­ge Klin­ge­mann diesen aporetischen Weg. In der von ihm her­aus­ge­ge­be­nen Zeit­schrift »Mem­non« (1800) sprach er die Ge­fah­ren des Skep­ti­zis­mus in al­ler Deut­lich­keit an:

»Die Philosophie ist nur für Wenige ein Licht geworden; die anderen aber hat sie dagegen in eine noch tiefere Nacht ge­führt. Der un­auf­ge­lö­ste Zweifel ist das zerstörendste Gift ... Das Symbol der Trans­cen­den­tal­phi­lo­so­phie ist ein me­men­to morimit der Silphe«.231)

  

Klingemann suchte aber, inmitten der sich formierenden romantischen Bewegung, selber noch nach der Auf­lö­sung die­ses töd­li­chen Zweifels. Er­ken­nen wir doch jetzt in dem Zeittypischen des Memnon-Kul­tes ein tie­fe­res le­bens­ge­schicht­li­ches Ma­nö­ver, das in­tellektuelle Experiment, dem wie er­starr­ten al­ten Selbst den aufblühenden ro­man­ti­schen Kunst­glau­ben einzuhauchen. Nach dem Wi­der­ruf die­ser Gläu­big­keit nach den »Nacht­wa­chen«blieb ihm al­so nur der Rück­zug in die »Pro­me­the­ische Werk­statt« des The­a­ters. Noch des­sen In­no­va­ti­o­nen verdanken sich, wenn man so will, künst­le­ri­scher Gläu­big­keit, dem Fas­zi­no­sum näm­lich ei­ner »Kin­der­zeit, wo ... ich mit Lust und Schau­der mei­nen Platz vor dem ge­heim­niß­vol­len Vor­han­ge ein­nahm, und das The­a­ter als ein, den un­be­kann­ten Göt­tern ge­wei­he­tes, Pan­the­on, be­trach­te­te.«232)

------------------------------------------------------------------------------------------------------------

228  ebd. S. 229f.     229  ebd. S. 168    230  ebd. S. 188  

231  Klingemann, Memnon, a.a.O. (Fußnote 24), S. 6f.; s. auch S. 13   

232  Kunst und Natur, a.a.O. (Fuß­no­te 23), Bd. 2, S. 397

- 102 - 

Weiter

 

Zurück
Top
http://www.fleig-fleig.de/