Home
Impressum
RUTH FLEIGS GALERIE
Schulkinder malen
Bilderbuch Rob. Rabe
Kritzel-Kratzel
HORST FLEIGS TEXTE:
I  Philosophica
II  Reiseberichte
III Zu Wim Wenders
IV Film und Kindheit
V Mitschüler/Schulen
VI GERMANISTICA
A Der alte Goethe
B Zu Theodor Fontane
C Zu »Bonaventura«
D Zu Aug. Klingemann
Inhaltsübersicht
Forschung seit 1973
Kandidatenreigen
Sprachstatistiken
K-s Artikel und ›Nw‹
Datierungstabelle
Arnims Nachtwache
Nacht bei Klingemann
Pseud. Bonaventura
Demiurg Shakespeare
Maske »Nihilismus«
»Parallelen«-Debakel
Mimetisches Genie
Prometheus Theater
Braunschweiger Vita
Vampirismus
Lieblingsort Dom
Der Friedhof
Freimaurer Lestwitz
Collegium Medicum
Leisewitz
Freigeist Lessing
Collegium Carolinum
Alessandro-Kreuzgang
Student in Jena
Der Domfriedhof 1973
Drei Rezensionen
Ruth Haag 1987
Kunstfehde/Werdegang
>Die Erscheinung<
WEITERE POSTSKRIPTE

FINALE KUNSTFEHDE KLINGEMANNS – WERDEGANG EINES THEATERLEITERS

______________________________________________________________

Am­me Si­byl­la und von He­lio­dor zum Schein be­er­digt, fällt jedoch ebenso wie der in psy­cho­so­ma­ti­scher Starr­sucht sterbende Graf und sein nicht­ehe­li­cher Sohn He­li­o­dor dem miss­lin­gen­den Plan der Am­me zum Op­fer. Je­ne List der vor­ge­täusch­ten Bei­set­zung mit dem Ziel einer un­ge­stör­ten Liebesbeziehung wie­der­um er­in­nert – ein weiterer gezielter Sei­ten­hieb Klin­ge­manns – an den be­kann­ten Skan­dal um den Braun­schwei­ger Her­zog Heinrich II., der sein Ver­hält­nis mit der Hof­da­me Eva von Trott 1532 mit­hil­fe ih­rer Schein­be­er­di­gung heim­lich fort­set­zen konn­te. Als Klin­ge­mann das Stück zum erstenmal brieflich erwähnte, bezog er sich nur auf diesen spä­ter von ihm ver­kapp­ten hi­sto­ri­schen Hin­ter­grund: »Ich be­ar­bei­te jetzt ... die bekannte Geschichte der Eva von Trotha.« (Brief vom 2. 4. 1828 an den be­freun­de­ten Dres­de­ner Opern­re­gisseur Karl Theo­dor Wink­ler, in: ›Au­gust Klin­ge­mann. Brief­wech­sel, hg. von Ale­x­an­der Ko­še­ni­na und Ma­nu­el Zink; Göt­tin­gen 2018, Nr. 260).

   Ob die versteckte Botschaft des Stückes schon das breite zeitgenössische Publikum erreichte, ist mehr als fraglich; einem Teil der Zuschauer dürf­te es ge­graust oder vor Entsetzen den Atem verschlagen zu haben. So zollt der anonyme Rezensent in den Leipziger Blättern für li­te­ra­ri­sche Unterhaltung‹ (vom 18. Fe­bru­ar 1831) dem Dramatiker Klingemann zwar pauschal Anerkennung, zeigt sich aber nach dieser Lek­tü­re fas­sungs­los: »Bianca di Sepolcro ist ... ein Trau­er­spiel von lauter Wahnsinnigen dargestellt. .... ein Aufgebot aller denkbaren Schrecken, Ver­wand­ten­mord, Blut­schande, Tempelentweihung, Lei­chen­ver­stüm­me­lung, Brand, Kindes- und Schwesternmord ... Sein Vers ist trefflich; die Bil­der sind furcht­bar; man sollte glau­ben, er näh­me an dem all­ge­mei­nen Wahn­sinn Theil. ... Hier ist Stoff zu 20 Melodramen!«  

   In einem Atemzug mit Bianca di Sepolcro‹ sprach Klingemann im dem zitierten Schreiben an Winkler ein weiteres, im Druck nicht nach­ge­wie­se­nes Theaterprojekt an: »Ich be­ar­bei­te jetzt einen wackern dramatischen Stoff: Carl VI. König von Frankreich‹ (bekanntlich der mo­men­tan wahn­sinnige Fürst, welcher wäh­rend je­nes Irrsinns seinen Sohn verfluchte und verbannte – Talma soll diese Rolle meisterlich aus­ge­führt ha­ben) und die bekannte Ge­schich­te der Eva von Trotha.« Klingt dies nicht so, als hätte Klingemann mit ›Carl VI.‹ ein Seitenstück zu sei­nem ge­gen Her­zog Carl II. gerichteten Dra­ma ›Bian­ca‹ ge­fun­den? Eines, das sich gleichfalls in kryptisch annihilierender Tendenz gegen einen irr­sin­nig ge­wor­de­nen Fürsten oder »Lan­des­va­ter«, der seinen künstlerischen »Sohn« vom Ho­fe ver­bannt, in Szene setzen ließe? Ge­meint sein dürf­te übri­gens nicht wie bislang ver­mu­tet Tal­mas Ne­ben­rol­le in Shake­speares ›Hein­rich V.‹, sondern Talmas Titelrolle und Schwa­nen­ge­sang in ›Charles VI‹ von A.-J.-J. de La Ville de Mir­mont, von der in Cot­tas Mor­gen­blattvom 17. 11. 1826 und in dessen Li­te­ra­tur-Blatt‹ vom 16. 2. 1827 be­rich­tet wur­de.

 

Klingemann selber war spätestens im Jahre 1804 als Theaterleiter tätig. Seinen Brief vom 26. 6. 1804 vermutlich an die Jo­achim’­sche Buch­hand­lung in Leipzig be­schließt er mit: »Hochachtungsvoll ... Au­gust Klingemann (jetzt Theater-Di­rek­tor)«. Die Herausgeber seines Brief­wech­sels be­mer­ken hierzu: »Offenbar hatte Klin­ge­mann schon viel früher als bis­her an­ge­nom­men den ‚artistischen Theil‘ einer Schau­spiel­ge­sell­schaft über­nom­men ... Vermutlich hatte Klingemann Kon­takt zur Mag­de­bur­ger Schau­spiel­trup­pe geknüpft und dort vor­über­ge­hend den Po­sten des Di­rek­tors über­nom­men.« (Au­gust Klin­ge­mann. Brief­wech­sel, a.a.O. Brief Nr. 8 und Kommentar S. 284f.)

   Auch Hugo Burath hatte 1948 diese Kontakte mit den seit 1801 öfter in Braunschweig Gastspiele gebenden The­a­ter­di­rek­to­ren Fabricius und Ho­s­tovs­ky sowie ihrem Re­gis­seur Friedrich Lud­wig Schmidt er­ör­tert und speziell Klin­ge­manns Ein­fluss auf Theaterarbeit und Stü­cke­aus­wahl ih­rer Mag­de­bur­ger Truppe (Burath, a.a.O. S. 95-99 in dem Ka­pi­tel »Be­tä­ti­gung in der Magdeburger Wandertruppe«). Von Fe­bru­ar 1806 an ließ Klin­ge­mann zu den beiden Braunschweiger Mes­sen auch seine ei­ge­nen neu­en Stü­cke von der Gesellschaft aufführen, begann mit der Ur­auf­füh­rung sei­ner »hi­sto­ri­schen Tra­gö­die« Hein­rich der Lö­we und schloß mit seinem »Höllen-Breughel« Das Vehm­ge­richt, mit dem sich die Trup­pe wäh­rend der Win­ter­mes­se 1810 für immer aus Braunschweig ver­ab­schie­de­te (vgl. Bu­rath S. 97-99 und Hart­mann S. 284-306).

   Er setzte diese strategische Zusammenarbeit 1810 mit der in Braun­schweig gastierenden Waltherschen Truppe aus Han­no­ver fort, über­nahm nach dem bal­di­gen Tod ih­res Di­rek­tors bis 1816 deren Künst­le­ri­sche Leitung und wurde noch im selben Jahr Di­rek­tor des auf Aktionärsbasis

 

- 109 -

Weiter

Zurück

Top
http://www.fleig-fleig.de/