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KLINGEMANNS NACHTWACHEN. VON BONAVENTURA. –  ALS STUDENT IN JENA 

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 Mit Klingemanns Studium in Jena hat sich unsere Untersuchung fürs erste geschlossen. Die spär­li­chen Spuren der drei Je­na­er Jah­re wären bei anderer Gelegenheit einmal zu verfolgen, scheint doch die Rol­le des Stu­den­ten längst nicht so tra­ban­ten­haft ge­we­sen zu sein, wie bis­lang angenommen. So über­liefert er spä­ter ei­ne Be­mer­kung, die ihm A.W. Schle­gel 1799 über Iff­lands Spiel ge­macht hät­te, er­wähnt au­ßer der Be­kannt­schaft mit Schil­ler und Kot­ze­bue auch Ein­drü­cke von ei­ner Je­na­er Abend­ge­sell­schaft bei A.W. Schle­gel, aus des­sen »Ham­let«-Übersetzung Tieck damals vor­ge­le­sen ha­be.233) Noch un­ge­klärt sind vor al­lem sei­ne Ver­bin­dun­gen zu Chri­sti­an Vulpius, zu Wie­lands Sohn Ludwig und Char­lot­te Buffs Sohn Kestner; auch über seinen Verkehr im Hau­se des Kan­ti­a­ners und Professors der Po­e­sie und Be­red­sam­keit Chri­sti­an Gottfried Schütz sowie über dessen Lieb­ha­ber­büh­ne wüß­te man gern mehr. Mit Schau­spie­lern war er schon da­mals so ver­traut, daß er in Je­na ein bewegendes Be­gräb­nis

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233 Kunst und Natur, a.a.O. Bd. 1, S. 463ff. bzw. S. 39f.

 Postskriptum Dezember 2018

 

Im Mai 1798 als Jurastudent immatrikuliert, bezog Klingemann eine Wohnung im »Döderleinschen Hause« in der Leu­tra­gas­se 5 – in dem spä­ter so genannten »Ro­man­ti­ker­haus«, dessen Hintergebäude seit 1796 August Wilhelm Schle­gel mit Ca­ro­li­ne und seit Ende 1799 auch Friedrich Schlegel mit Dorothea Veit be­wohnten. Im Au­di­to­ri­um die­ses Professorenhauses hielt August Wilhelm im WS 1798/99 sei­ne Vorlesungen zur Ästhetik (vgl. Peer Köslings Studie Die Woh­nun­gen der Ge­brü­der Schle­gel in Je­na).

   Kaum eine Fußminute entfernt lag Klingemanns zweite Wohnung im Hau­se des Kan­ti­a­ners und Professors der Poesie und Beredsamkeit Chri­sti­an Gottfried Schütz, auf dessen Lieb­ha­ber­büh­ne nach Hu­go Burath am 16. Juli 1800 jenes Klingemannsche Trauerspiel Die Mas­ke gezeigt werden sollte. Burath bezieht sich dabei auf einen Brief des damals in Altenburg weilenden Clemens Brentano an den in Je­na woh­nen­den August Winkelmann und nimmt an, dass diese Auf­füh­rung tatsächlich in Jena stattfand (a.a.O. S. 60, 217 und 222). Ingeborg Schnack hingegen bezieht Brentanos vage, keinen Spielort nen­nen­de Aus­kunft auf die Liebhaberbühne in Altenburg, fand aber auch keinen konkreten Beleg dafür (I.S., Der Briefwechsel zwischen Friedrich Carl von Savigny und Stephan August Winkelmann (1800-1804) mit Dokumenten und Briefen aus dem Freundeskreis; Marburg 1984, S. 234 und 450). Gegen eine Aufführung in Jena jedenfalls spricht einiges. So hatte Goe­the, der das Stück des 20-jäh­ri­gen Je­nen­ser Stu­den­ten schon am 8. 9.1797 als Gast­spiel des Wei­ma­rer The­a­ters in Ru­dol­stadt auf­füh­ren ließ, im März 1799 auf An­ord­nung von Herzog Carl Au­gust die Je­na­er Lieb­ha­ber­büh­ne im Hau­se Schütz wegen po­li­tisch-aka­de­mi­scher sowie ästhetischer Bedenken schlie­ßen las­sen und im Dezember 1800 eine ge­plan­te Neu­jahrs­vor­stel­lung – listigerweise mit Goethes Singspiel Scherz, List und Ra­che! – ebenfalls un­ter­bun­den (Goe­the am 22. 12. 1800 an An­na Hen­ri­et­te Schütz). Klin­ge­mann er­in­nert Schütz im Brief vom 24.10. 1811 an die gemeinsame Jenaer Zeit und und übersendet zu­gleich des­sen Ehefrau Hen­riet­te, »die sich meiner vielleicht noch von unserm The­a­ter­pro­ject in Je­na, welches da­mals ein bö­ser Dä­mon zer­stör­te«, »als Zei­chen je­nes un­sers Lieblingstreibens« den 2. Band seiner The­a­ter-Rei­se­ta­ge­buchs Kunst und Na­tur. (In: Au­gust Klin­ge­mann. Brief­wech­sel, hg. von Ale­x­an­der Ko­še­ni­na und Ma­nu­el Zink; Göt­tin­gen 2018, Nr. 63 und Anm.).

   Klingemann nahm außerdem an der Neujahrsfeier vom 31.12.1799 teil, die in der Wohnung von Clemens Brentano und Theo­dor Kestner stattfand. Der Medizinstudent Mar­tin H(e)in­rich Lichtenstein war von der Feier im Kreise von ungefähr 15 Studenten so be­ein­druckt, dass er nach di­ver­sen Recherchen 1855 einen ausführlichen Bericht von dieser »poetischen Neujahrs-Nacht« niederschrieb (aus­zugs­wei­se transkribiert bei Schnack, l.c. S. 289-292 und Anm. S. 496ff.). Ihm zufolge emp­fing Brentano die Gäste mit einem Ex­em­plar des so­eben erschienenen Schillerschen Mu­sen­al­ma­nachs in der Hand und las sodann »mit dem ihm eignen Feuer« das darin abgedruckte Lied von der Glo­cke vor. Beim Ar­rak­punsch wurden als weitere »Gast­ge­schen­ke« Xenien mit (Dop­pel-)­Di­sti­chen ver­le­sen. Brentano nahm in seinem Klingemann gewidmeten Distichon Die Schmie­de vor al­lem des­sen Rit­ter­ro­mane und das Trau­er­spiel Die Mas­ke aufs Korn, wäh­rend Lich­ten­stein in seinem Bericht noch die »Selbst­bil­dung« Klingemanns und das »sprö­de« We­sen die­ses »schönen Geistes« an­spricht. Er er­wähnt zu­dem sei­ne Ästhe­ti­schen Brie­fe und ein an diesem Abend von Brentano präsentiertes Trans­pa­rent­bild mit Rit­ter und Amor als Klin­ge­mann­sches Dop­pel­sym­bol, spöttisch de­ko­riert mit ei­ni­gen auch dif­fa­mie­ren­den At­tri­bu­ten (Esel als Klingemanns Schauspielpublikum). Von diesem Trans­pa­rent­bild und ei­nem an­de­ren, das Win­kel­manns Vielseitigkeit in Gestalt eines windigen, zusammengestückelten Kolosses von Rhodos dar­stell­te, ließ der Gast Nicolaus Meyer später Kupferstiche anfertigen und sie den Teil­neh­mern des Abends zum Eri­n­ne­rungs­ge­schenk machen. Sie scheinen verschollen zu sein. – Seinen »alten Freund« Lich­ten­stein be­such­te Klin­gemann auf seiner ersten großen Theaterreise 1817 in Ber­lin; er war dort Pro­fes­sor für Zoo­lo­gie und gehörte dem Vor­stand der von Zel­ter ge­lei­te­ten »Singakademie« an, in die er Klin­ge­mann dann ein­führ­te (vgl. Kunst und Natur, a.a.O. Bd. 1, S. 413f.).

 

Klingemann selber war spätestens im Jahre 1804 als Theaterleiter tätig. Seinen Brief vom 26. 6. 1804 vermutlich an die Jo­achim’­sche Buch­hand­lung in Leipzig be­schließt er mit: »Hochachtungsvoll ... Au­gust Klingemann (jetzt Theater-Di­rek­tor)«. Die Herausgeber seines Brief­wech­sels bemerken hierzu: »Offenbar hatte Klin­ge­mann schon viel früher als bis­her an­ge­nom­men den ‚artistischen Theil‘ einer Schau­spiel­ge­sell­schaft übernommen ... Vermutlich hatte Klingemann Kon­takt zur Mag­de­bur­ger Schau­spiel­trup­pe geknüpft und dort vor­über­ge­hend den Po­sten des Direktors übernommen.« (Au­gust Klin­ge­mann. Brief­wech­sel, a.a.O. Brief Nr. 8 und Kommentar S. 284f.)

   Auch Hugo Burath hatte 1948 diese Kontakte mit den seit 1801 öfter in Braunschweig Gastspiele gebenden The­a­ter­di­rek­to­ren Fabricius und Hostovsky sowie ihrem Re­gis­seur Friedrich Lud­wig Schmidt er­ör­tert und speziell Klin­ge­manns Ein­fluss auf Theaterarbeit und Stü­cke­aus­wahl ihrer Magdeburger Truppe (Burath, a.a.O. S. 95-99 in dem Ka­pi­tel »Be­tä­ti­gung in der Magdeburger Wandertruppe«). Von Fe­bru­ar 1806 an ließ Klingemann zu den beiden Braunschweiger Mes­sen auch seine ei­ge­nen neu­en Stü­cke von der Gesellschaft aufführen, begann mit der Uraufführung seiner »historischen Tra­gö­die« Hein­rich der Lö­we und schloß mit seinem »Höllen-Breughel« Das Vehm­ge­richt, mit dem sich die Trup­pe wäh­rend der Win­ter­mes­se 1810 für immer aus Braunschweig ver­ab­schie­de­te (vgl. Bu­rath S. 97-99 und Hart­mann S. 284-306).

   Er setzte diese strategische Zusammenarbeit 1810 mit der in Braun­schweig gastierenden Waltherschen Truppe aus Han­no­ver fort, über­nahm nach dem baldigen Tod ih­res Di­rek­tors bis 1816 deren Künst­le­ri­sche Leitung und wurde noch im selben Jahr Di­rek­tor des auf Aktionärsbasis ge­grün­de­ten »Braun­schwei­gi­schen Na­tio­nal­the­a­ters«. Wie auch das 1826 in un­mit­tel­ba­rer Nach­fol­ge etablierte »Her­zog­li­che Hof­the­a­ter« be­an­spruch­te eine solch große ste­hen­de Bühne mit fest en­ga­gier­ten und auf wo­chen­lan­gen The­a­ter­rei­sen neu zu en­ga­gie­ren­den Schau­spie­lern ih­ren (Ge­ne­ral-)Di­rek­tor in einem Ma­ße, dass Klin­ge­mann nur noch ver­ein­zelt ein neu­es ei­ge­nes Theaterstück zu Pa­pier brin­gen und in Braun­schweig auf­führen konn­te. 

    Vermutlich bedauerte er diesen Verzicht nicht einmal, gab er doch anläßlich einer späteren Aufführung seines Co­lum­bus (1808) dem be­freun­de­ten Hamburger The­a­ter­lei­ter Friedrich Ludwig Schmidt die ent­waff­nen­de Erklärung: »Streichen Sie in dem Din­ge was sie wol­len, das ist auf­ge­dun­se­ner Tugendquark ... Ueberhaupt bezweifle ich, daß ich je­mals ein ei­gent­li­ches dra­ma­ti­sches Ta­lent gehabt; höch­stens bin ich nur The­a­ter­schrift­stel­ler ei­ner Zeit gewesen.« (Au­gust Klin­ge­mann. Brief­wech­sel, a.a.O. Nr. 175 vom 10. 9. 1822). So das Fazit von einem der meistgespielten und finanziell er­folg­reich­sten deut­schen Theaterschrifsteller seiner Zeit, der bis dahin gut zwei Dut­zend Büh­nen­stü­cke verfasst hatte.

 

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