Home
Impressum
RUTH FLEIGS GALERIE
Schulkinder malen
Bilderbuch Rob. Rabe
Kritzel-Kratzel
HORST FLEIGS TEXTE:
I  Philosophica
II  Reiseberichte
III Zu Wim Wenders
IV Film und Kindheit
V Mitschüler/Schulen
VI GERMANISTICA
A Der alte Goethe
B Zu Theodor Fontane
C Zu »Bonaventura«
D Zu Aug. Klingemann
Inhaltsübersicht
Forschung seit 1973
Kandidatenreigen
Sprachstatistiken
K-s Artikel und ›Nw‹
Datierungstabelle
Arnims Nachtwache
Nacht bei Klingemann
Pseud. Bonaventura
Demiurg Shakespeare
Maske »Nihilismus«
»Parallelen«-Debakel
Mimetisches Genie
Prometheus Theater
Braunschweiger Vita
Vampirismus
Lieblingsort Dom
Der Friedhof
Freimaurer Lestwitz
Collegium Medicum
Leisewitz
Freigeist Lessing
Collegium Carolinum
Alessandro-Kreuzgang
Student in Jena
Der Domfriedhof 1973
Drei Rezensionen
Ruth Haag 1987
Kunstfehde/Werdegang
>Die Erscheinung<


KLINGEMANNS NACHTWACHEN. VON BONAVENTURA. –  ALS STUDENT IN JENA 

______________________________________________
 

Mit Klingemanns Studium in Jena hat sich unsere Untersuchung fürs erste geschlossen. Die spär­li­chen Spuren der drei Je­na­er Jah­re wären bei anderer Ge­le­gen­heit einmal zu verfolgen, scheint doch die Rol­le des Stu­den­ten längst nicht so tra­ban­ten­haft ge­we­sen zu sein, wie bis­lang angenommen. So über­liefert er spä­ter ei­ne Be­mer­kung, die ihm A.W. Schle­gel 1799 über Iff­lands Spiel ge­macht hät­te, er­wähnt au­ßer der Be­kannt­schaft mit Schil­ler und Kot­ze­bue auch Ein­drü­cke von ei­ner Je­na­er Abend­ge­sell­schaft bei A.W. Schle­gel, aus des­sen »Ham­let«-Übersetzung Tieck damals vor­ge­le­sen ha­be.233) Noch un­ge­klärt sind vor al­lem sei­ne Ver­bin­dun­gen zu Chri­sti­an Vulpius, zu Wie­lands Sohn Ludwig und Char­lot­te Buffs Sohn Kestner; auch über seinen Verkehr im Hau­se des Kan­ti­a­ners und Pro­fes­sors der Po­e­sie und Be­red­sam­keit Chri­sti­an Gottfried Schütz sowie über dessen Lieb­ha­ber­büh­ne wüß­te man gern mehr. Mit Schau­spie­lern war er schon da­mals so ver­traut, daß er in Je­na ein bewegendes Be­gräb­nis des im Fe­bru­ar 1800 ver­stor­be­nen Ko­mö­di­an­ten und Bassisten Heinrich Fried­rich Mä­del be­sorg­te, der 1797 in den Braun­schwei­ger Auf­füh­run­gen von Klin­ge­manns Trau­er­spiel »Die Mas­ke« mit­ge­wirkt und dort auch Re­gie ge­führt hat­te.234) Noch am be­sten do­ku­men­tiert ist sei­ne Zu­gehörigkeit zum Literatenkreis um den ein Jahr jün­ge­ren Clemens Bren­ta­no, ob­gleich August Klin­ge­mann selber sich nur  ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

233 Kunst und Natur, a.a.O. Bd. 1, S. 463ff. bzw. S. 39f.

234  Fritz Hartmann, a.a.O. (Fußnote 196), S. 254f.; vgl. ferner den Zettel in der The­a­ter­zet­tel-Samm­lung des Braun­schwei­ger Stadt­ar­chivs (HXA: Bd. 3, Nr. 79, vom 19.8.1797). Zu Mädel vgl. Klin­ge­mann in Kunst und Natur, a.a.O. Bd. 2, S. 485 so­wie das von J. Ch. J. Span­gen­berg hg. Handbuch der in Jena ... da­hin­ge­schie­de­nen Ge­lehr­ten, Künstler, Stu­den­ten und an­dern be­mer­kens­wer­ten Per­so­nen ... (Je­na 1819), S. 32.


 Postskriptum Januar 2019

 

Im Mai 1798 als Jurastudent immatrikuliert, bezog Klingemann eine Wohnung im »Döderleinschen Hause« in der Leu­tra­gas­se 5 – in dem spä­ter so genannten »Ro­man­ti­ker­haus«, dessen Hintergebäude seit 1796 August Wilhelm Schle­gel mit Ca­ro­li­ne und seit Ende 1799 auch Friedrich Schlegel mit Dorothea Veit be­wohn­ten. Im Au­di­to­ri­um die­ses Professorenhauses hielt August Wilhelm im WS 1798/99 sei­ne Vorlesungen zur Ästhetik (vgl. die Studie von Peer Kösling).

    Kaum eine Fußminute entfernt lag Klingemanns zweite Wohnung im Hau­se des Kan­ti­a­ners und Professors der Poesie und Beredsamkeit Chri­sti­an Gottfried Schütz, auf dessen Lieb­ha­ber­büh­ne nach Hu­go Burath am 16. Juli 1800 Die Mas­ke (1797) von Klingemann gezeigt werden sollte. Burath bezieht sich dabei auf eine Stel­le in Brentanos Brief vom Juli 1800 an den in Jena wohnenden August Winkelmann (ich zitiere nach Ingeborg Schnack, Der Briefwechsel zwischen Fried­rich Carl von Savigny und Ste­phan August Win­kel­mann (1800-1804) mit Do­ku­men­ten und Briefen aus dem Freundeskreis, Marburg 1984, S. 234):

»Den 16. Juli wird Klingemanns Maske auf dem Liebhabertheater aufgeführt, und mit grosem Aufwand, ich konnte mich nicht entschließen, da mit zu fi­gu­ri­ren, weil ich finde daß ich ganz stumm sein müßte – denn ich kann nichts sagen, wobei einer nichts dachte, und Klingemann dachte nur bei den Ge­dan­ken­stri­chen.« Welch hübscher Sarkasmus! Auf die­se Ge­dan­ken­stri­che spielt Brentano auch im 1. Band seines zur Jahreswende 1800/01erschienenen Ro­mans God­wi  an, wenn der Lady Hodefield nacheilende Karl Römer in seinem Schreiben an Godwi den Vergleich wählt: »... meine Schritte, die, so wie die lan­gen Ge­dan­ken­stri­che in den Ruinen des Schwarzwaldes den guten Einfällen des Verfassers und seiner Tendenz nachlaufen«.


Burath nimmt nun an, dass diese Auf­füh­rung in Jena stattfand (a.a.O. S. 60, 217 und 222). Brentano hielt sich freilich seit Ende Juni 1800 in Altenburg auf; Schnack be­zieht denn auch Brentanos vage, keinen Spielort nen­nen­de Aus­kunft auf die von den Familien Reichenbach und Pierer getragene Lieb­ha­ber­büh­ne in Al­ten­burg, fand aber auch kei­nen kon­kre­ten Be­leg für diese Vorstellung (Schnack, a.a.O. S. 450).

    Gegen eine Aufführung in Jena jedenfalls sprechen einige für das damalige Theaterleben aufschlussreiche Vorkommnisse. So hatte Goe­the, der das Stück des 20-jäh­ri­gen Je­nen­ser Stu­den­ten schon am 8. 9.1797 als Gast­spiel des Wei­ma­rer The­a­ters in Ru­dol­stadt auf­füh­ren ließ, im März 1799 auf An­ord­nung von Her­zog Carl Au­gust die Je­na­er Lieb­ha­ber­büh­ne im Hau­se Schütz we­gen po­li­tisch-aka­de­mi­scher sowie ästhe­ti­scher Be­den­ken schlie­ßen las­sen und im De­zem­ber 1800 eine ge­plan­te Neu­jahrs­vor­stel­lung – listigerweise mit Goe­thes Sing­spiel Scherz, List und Ra­che! – eben­falls un­ter­bun­den (Goe­the am 22. 12. 1800 an An­na Hen­ri­et­te Schütz). Klin­ge­mann er­in­nert Schütz im Brief vom 24.10. 1811 an die gemeinsame Je­na­er Zeit und und über­sen­det zu­gleich des­sen Ehe­frau Hen­riet­te, »die sich meiner vielleicht noch von unserm The­a­ter­pro­ject in Je­na, wel­ches da­mals ein bö­ser Dä­mon zer­stör­te«, »als Zei­chen je­nes un­sers Lieb­lings­trei­bens« den 2. Band seiner The­a­ter-Rei­se­ta­ge­buchs Kunst und Na­tur. (In: Au­gust Klin­ge­mann. Brief­wech­sel, hg. von Ale­x­an­der Ko­še­ni­na und Ma­nu­el Zink; Göt­tin­gen 2018, Nr. 63 und Anm.).

 

Klingemann nahm außerdem an der Neujahrsfeier vom 31.12.1799 teil, die in der Wohnung von Clemens Brentano und Theo­dor Kestner stattfand. Der Me­di­zin­stu­dent Mar­tin H(e)in­rich Lichtenstein war von der Feier im Kreise von ungefähr 15 Studenten so be­ein­druckt, dass er nach di­ver­sen Recherchen 1855 ei­nen aus­führ­li­chen Bericht von dieser »poetischen Neujahrs-Nacht« niederschrieb (aus­zugs­wei­se transkribiert bei Schnack, l.c. S. 289-292 und Anm. S. 496ff.). Ihm zu­fol­ge emp­fing Brentano die Gäste mit einem Ex­em­plar des so­eben erschienenen Schillerschen Mu­sen­al­ma­nachs in der Hand und las sodann »mit dem ihm eig­nen Feu­er« das dar­in abgedruckte Lied von der Glo­cke vor. Beim Ar­rak­punsch wurden als weitere »Gast­ge­schen­ke« Xenien mit (Dop­pel-)­Di­sti­chen ver­le­sen. Bren­ta­no nahm in sei­nem Klingemann gewidmeten Distichon Die Schmie­de vor al­lem des­sen Rit­ter­ro­mane und jenes Trau­er­spiel Die Maske aufs Korn, wäh­rend Lich­ten­stein in sei­nem Bericht noch die »Selbst­bil­dung« Klin­ge­manns und das »sprö­de« We­sen die­ses »schönen Geistes« an­spricht. Er er­wähnt zu­dem die Ästhe­ti­schen Brie­fe Klingemanns und ein an diesem Abend von Brentano arrangiertes Trans­pa­rent­bild mit Rit­ter und Amor als Klin­ge­mann­sches Dop­pel­sym­bol, spöt­tisch de­ko­riert mit ei­ni­gen auch dif­fa­mie­ren­den At­tri­bu­ten (Esel als Klingemanns Schauspielpublikum). Von diesem Trans­pa­rent­bild und ei­nem an­de­ren, das Win­kel­manns Viel­sei­tig­keit in Gestalt eines windigen, zusammengestückelten Kolosses von Rhodos dar­stell­te, ließ der Gast Nicolaus Meyer spä­ter Kup­fer­sti­che an­fer­ti­gen und sie den Teil­neh­mern des Abends zum Eri­n­ne­rungs­ge­schenk machen. Sie scheinen verschollen zu sein. – Seinen »alten Freund« Lich­ten­stein be­such­te Klin­gemann auf seiner ersten großen Theaterreise 1817 in Ber­lin; er war dort Pro­fes­sor für Zoo­lo­gie und gehörte dem Vor­stand der von Zel­ter ge­lei­te­ten »Sing­aka­de­mie« an, in die er Klin­ge­mann dann ein­führ­te (vgl. Kunst und Natur, a.a.O. Bd. 1, S. 413f.).

 
- 103 -
 
 
 
 


 

Klingemanns Kernmotiv der Maske über einer Maske!
Illustration von Johann G. Boettger zu dem anonymen schauerromantischen Politdrama »Die Maske« (1797): Schlußszene des 3. Aufzuges
Weiter
Top
http://www.fleig-fleig.de/