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NACHT UND HELD BEI AUGUST KLINGEMANN

 

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Quelle für den Beitrag rechts: »Der Spiegel«, hg. von Fleischer und Car­nier (Königsberg 1810), Nr. 32f. vom 25. und 28.4., Nr. 35 vom 5.5. so­wie Nr. 38f. vom 16. und 19.5.1810

 

Der um­schla­gen­de Ver­gleich von Kreuzgang: »... oder wie ein einzig Übriggebliebener nach einer all­ge­mei­nen Pest oder Sünd­fluth« scheint dem Erwachsenen näher zu kommen. Klingemann gebrauchte ihn beiläufig schon 1799 in seinen »Ruinen« und wird ihn brei­ter 1829 ausführen, als er bei der Durch­rei­se durch Kas­sel sich der Zei­ten Jeromes, des »entnervten Lüstlings in der phan­ta­sti­schen Pracht ei­nes The­a­ter­kö­nigs« ent­sinnt und poin­tiert mit dem An­blick der vordem so belebten Wil­helms­hö­her An­la­gen schließt:

»Als ich bei meiner Heimkehr mich noch einmal umsah und zum Herkules hinauf­blickte, wel­cher von sei­ner Wol­ken­hö­he stumm und ernst in die öde Gegend herab­schaute, in wel­cher die Was­ser ru­he­ten, die Tri­to­nen schwie­gen, und kaum ein ein­zelner Fußtritt wie­der­hall­teda kam es mir vor, als sei die Pest da­durch hin­ge­zo­gen und ha­be ein ent­ar­te­tes Ge­schlecht hin­weg­ge­rafft28)

 

Der Vergleich spricht gezielt den korrumpierten Hofstaat um 1808 an. Sprachlich mag sich hierin zwar ein Wie­der­auf­le­ben der Nacht­wa­chen-Sze­ne abzeichnen, über Kreuzgangs erstes, jäh ver­dü­ster­tes Auftreten aber klärt der Ver­gleich sel­ber nicht auf.

   ... »nach einer allgemeinen Pest oder Sündfluth.« Ob der Wortgebrauch (»oder«) hier nun sy­n­ony­misch ist oder nicht, ein sintflutgleiches Bild jedenfalls ist nicht lange vor Beginn der »Nacht­wa­chen« schon einmal von Klin­ge­mann in­sze­niert worden, nicht an beliebiger Stelle, son­dern zum Auf­takt des Pas­quills »Frei­mü­thig­kei­ten«. Hans­wurst tritt hier im »Pro­log« fol­gen­der­ma­ßen auf:

»(Die Szene stellt ein Theater dar. Es ist ganz dunkel, der Vorhang niedergelassen und kein Mensch zu­ge­gen.) Arlequin tritt auf, er hat sich in einen rothen Mantel gehüllt, unter dem er ei­ne bren­nen­de Laterne her­vor­zieht.«29)

 

Ist dies nicht eine Vorform des Debüts unseres Nachtwächters, wie er sich sogleich ver­mummt (»ich hüll­te mich in meine aben­teu­er­li­che Vermummung«), um in feind­li­cher Um­ge­bung zu über­ste­hen? Und wie bei Kreuz­gang folgt nun auch in Har­le­kins Pro­log der des­il­lu­si­o­nie­ren­de Rück­blick (»Denn mein al­tes Reich wi­eder zu gewinnen/ Dazu stehen die Sa­chen zu schlecht«), der sich ak­tu­ell als Schau­der vor dem Kot­ze­bue­schen The­atertreiben aus­drückt:

       »Zum Teufel, wie sieht das hier aus,/ Es gleicht schier einem Invalidenhaus;

       Und überall ein so fataler Dunst / Gehört der zur neuesten Kunst?

       Meine Laterne droht davon auszugehn,/ Auch scheine ich bis an die Kniee im Wasser zu stehn;

       Alles ist wie in ein Meer versunken/ Und dort liegt gar der Soufleur ertrunken!

       Zur Grabschrift ruht auf dem Kasten, bei meiner Treue,

       Der Anschlagezettel von Menschenhaß und Reue!«30)

 

Es sieht doch wirklich so aus, als wäre neben dem »fatalen Dunst« es besonders dieses spott­lu­sti­ge Ein­gangs­bild der Kotzebueschen »Thrä­nen­fluth«-Wirkung, das zu dem »Sünd­fluth«-Ver­gleich der »Nacht­wa­chen«-Er­öffnung an­ge­regt hat, ja, das nun zur Fort­set­zung des Kamp­fes wie­der auf­ge­bo­ten wird. Wie denn

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28  August Klingemann, Kunst und Natur (a.a.O.), Bd. 1, S. 32ff.

29 August Klingemann im »Prolog« zu seinen anonym erschienenen Freimüthigkeiten. Ein Sei­ten­stück zu den Ex­pek­to­ra­zi­o­nen (Abdera <Lüneburg> 1804).   30 Freimüthigkeiten, a.a.O., »Pro­log«

 

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»Klin­ge­manns freigeisterische Ideen über das Theater. 1801«

 

 

Postskript 2014

Im Jahrgang 1810 der literarischen Zeitschrift Der Spiegel fand ich den oben im Aus­zug dar­ge­bo­te­nen Aufsatz Klingemanns aus dem Jahre 1801. Er ruft darin zu einer »Re­form des ko­mi­schen The­a­ters« auf und for­dert, endlich wieder den Hanswurst als den »sich selbst aus­la­chen­den Gott des Spa­ßes« auf die Büh­ne bringen (was Klingemann dann 1804 mit den Frei­mü­thig­kei­ten selber ein­lö­ste). In meinem Text­aus­zug wird man wohl unschwer den Hans­wurst-Ty­pus der Frei­mü­thig­kei­ten und viel­leicht auch den der Nacht­wa­chen wie­dererkennen können. Spe­zi­ell die Cha­rak­te­ri­stik der 8. Nacht­wa­che, wo­nach in der Tra­gödie des ver­hun­gern­den Po­e­ten »statt des Chors ein tra­gi­scher Hans­wurst, ei­ne gro­teske und furcht­ba­re Mas­ke, hin­lief ...«, deutet sich schon hier in Klingemanns Hul­di­gung an: »Du al­lein wirst den alten Chor uns er­set­zen kön­nen, und so den Spaß wieder zu ei­ner recht ly­ri­schen Wür­de er­he­ben. Du mö­gest die al­te Recht­lich­keit und Ord­nung … durch deine Aus­ge­las­sen­heit zerstören, und als le­ben­di­ger Kom­men­tar und No­te am Ran­de, in dem Stü­cke des Dich­ters um­her­wan­deln.«

 

 

 

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