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IV Film und Kindheit
V Mitschüler/Schulen
VI GERMANISTICA
BESUCH ALS KORREKTIV:  WIEDERSEHEN  UND  -ERKENNEN  NACH  JAHRZEHNTEN

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biographischen Kontinuität oder auch Abweichung und Neuorientierung Rechenschaft zu geben wusste; dass zwar nahezu je­der­mann glaubte oder doch glauben zu machen suchte, sich unendlich weit von seinen Anfängen fortentwickelt zu haben, für mich je­doch eben derselbe geblieben war – und zwar stumm und bewusstlos, beinahe wie eine Marionette seiner Vergangenheit, mit der er so gut wie nichts mehr meinte anfangen zu können. Auch die Gedächtnisstärksten waren in der Kenntnis und Respektierung der ei­ge­nen Lebensgeschichte in der Regel weit zurückgeblieben, anscheinend ohne Ahnung um Ausmaß und Wert ihrer frühen Er­fah­run­gen oder um das, was seitdem von den eigenen Möglichkeiten alles hatte auf der Strecke bleiben müssen. Dabei war je­der­mann mittlerweile längst über das Alter hinaus, in dem es etwa noch um die Grundsicherung der bürgerlichen Existenz gehen mochte.

    Auf der Rückfahrt von meinen Besuchen wurde mir wiederholt das Herz schwer. Erneut hatte ich die Empfindung, als wäre bei jemandem, den ich einst schätzte, ein zentraler Lebensabschnitt seit langem schon abgestorben und als hätte ich, der ja als ein­sti­ger Weggenosse mit zu dieser verschwundenen Erinnerungssphäre gehörte, für immer einen wichtigen Zugang zu mir selbst ver­loren.


Allerdings hatte ich ja meine Erinnerungen an Kindheit und Jugend soeben erst - wenn auch nur in einer Rohfassung - aus­führ­lich zu Papier gebracht. War ich bloß erschöpft oder wie ausgeschrieben? Und glaubte ich die Weggefährten eigentlich erst jetzt verloren zu haben, nachdem ich sie in der Erinnerungsbeschreibung unseres gemeinsamen Milieus und in dem meist nachfol­gen­den Gespräch besser einzuschätzen wusste? Oder gab mir eher meine oben behauptete Vermutung den Rest, dass es für die an­de­ren wie für mich selber keine nennenswerte innere Entwicklung gegeben hätte? So dass auch all das, was ich da über Jahre hin in Erinnerung gerufen hatte, bloß retrospektiv und im Grunde fruchtlos bleiben müsste?


So begann ich wiederum an diesen Zweifeln zu zweifeln. Muße mein Eindruck einer allgemeinen Selbstvergessenheit nicht schon des­halb aufkommen, weil ich von Begegnung zu Begegnung einen größeren Informationsvorsprung hatte? Ich bemerkte ja, dass manch einer darüber beunruhigt war und dies in seiner Verlegenheit mitunter zu kompensieren suchte, indem er plötzlich nach ir­gend­welchen Dokumenten und Photos zu kramen begann. Vor allem aber eins: Welche Rolle spielte beim Wiedersehen meine Freude, beim anderen dies und das wiederzuentdecken, kleine Merkmale, die mich gerade deshalb, weil ich sie schon halb ver­ges­sen hatte, besonders tief berührten – ohne dass sie jedoch darum schon zu jemandes „Wesenskern” gehören müssten? So 


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