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V Mitschüler/Schulen
VI Germanistica

 

PICO DELLA MIRANDOLA (1463-1494) Porträt von Cristofano dell’Altissimo

Quelle: www.phillwebb.net/History/MedRen/Pico/Pico.htm

 

2. Klassische humanistische Ansätze zu einer Selbstüberschreitung des Menschen


 

Die Thesen der im 20. Jahrhundert die philosophische An­­thro­­po­lo­gie weithin dominierenden Denker und For­scher wie Max Sche­ler, Helmuth Plessner, Adolf Port­mann und Arnold Gehlen wur­­den in der Slo­ter­dijk-Ha­ber­­mas-Debatte zwar im­mer wieder zi­tiert, aber in der Re­gel ging das nicht über einige Stich­wör­ter oder Text­zei­len hin­aus. Erst recht nicht un­ter­sucht wur­de die kul­­tur- und gei­stes­ge­schicht­li­che Her­kunft dieser in den 1920er bis 40­er Jahren for­mulierten Kon­zep­te von der um­welt­ent­bun­de­nen „Welt­­of­fen­heit” des Menschen, des­sen „Geist” ihn zum „ewigen Pro­te­stan­ten ge­gen al­le Wirk­lich­keit” macht (Scheler), von die­sem „Lei­stungs­­­we­­sen” und seiner nur gebrochene Lebensver­­hält­­­nis­­se zu­las­sen­den „Exzen­tri­zi­tät” (Plessner), von seinem Sta­tus als „se­kun­dä­rer Nest­flüch­ter” mit „ex­tra­ute­rin­em Frühjahr” (Port­mann), sei­ner „In­stinktre­duk­tion”, „Pla­sti­­zi­tät” und An­ge­wie­sen­heit auf „Ent­la­stung” durch kul­tu­relle In­stitutionen (Geh­­len). Der in den nach­­­fol­­­genden Kapiteln ge­ge­be­ne Rück­blick in die gut 500­jäh­ri­ge Pro­blem­ge­schich­te wird eine weit­hin ver­bor­ge­ne Kon­­se­­quenz in der Su­che nach Grund und Ausmaß der Welt­offenheit des Men­schen zu er­ken­nen ge­ben. Denn off­en­bar war die­se Ent­wick­lung untrennbar mit der ganz an­de­ren des zunehmenden Glau­­bens­­ver­lu­stes an meta­phy­­si­sche Ab­si­che­run­gen verquickt und wurde spe­­ziell vom zunehmenden Zweifel an der Exi­stenz­be­rech­­­ti­­gung ei­nes Schöp­fer­got­tes vor­an­ge­trie­ben.


Der Renaissancephilosoph Pico della Mi­ran­dola gilt als der erste, der in der Neu­zeit den Menschen als das sich sel­ber ge­stal­ten­de We­­sen definiert hat. Zu Beginn seiner Oratio, die er 1486/87 als Er­­­öff­­nungs­re­de eines von ihm ge­plan­ten eu­ro­pä­i­schen Ge­lehr­ten­kon­gres­ses schrieb, trägt der 23­jäh­ri­ge Graf von Con­cor­dia seine hoch­ge­mu­­ten Ge­dan­ken un­ter dem – pos­tum von seinen Her­aus­ge­bern for­mu­lier­ten – Titel De ho­minis dignita­te (Über die Würde des Men­schen) vor. An zen­tra­ler Stel­le läßt er hier den „höch­sten Va­­ter und Schöpfergott” sei­nen er­sten Men­schen wie folgt an­spre­chen:

„Keinen bestimmten Platz habe ich dir zugewiesen, auch keine be­stimm­te äußere Er­scheinung <’propriam faciem’> und auch nicht ir­­gend­­ei­ne be­sondere Gabe habe ich dir verliehen, Adam, damit du den Platz, das Aus­sehen und alle die Ga­ben, die du dir sel­ber wünschst, nach deinem eige­nen Willen und Entschluß erhalten und bes­itz­en kannst. Die fest um­ris­sene Natur der übri­gen Ge­schöp­­fe entf­alt­et sich nur innerhalb der von mir vorge­schriebenen Gesetze.

 

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