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III Zu Wim Wenders
IV Film und Kindheit
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VI GERMANISTICA
  SCHOCK  BEI  DER  RÜCKKEHR  IN  DIE  HERKUNFT       

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Und wie hierbei das Zeit- und Realitätsgefühl sich verwirrt, so auch das Selbstgefühl. Denn man erfährt sich nicht mehr souverän in der Ge­gen­wart postiert, sondern wird berührt und unterspült von Eindrücken, Regungen und Erwartungen, die man in der ,verflossenen Zeit’ längst hinter sich gelassen glaubte.

Was während einer Erstbegegnung wie der von 1976 aus den verschiedensten Zeit- und Persönlichkeitsschichten aufeinandertraf, arbeitet dann auch in der Folge weiter in uns. Regelrechte Machtkämpfe scheinen stattzufinden, in denen all die vielen un­er­war­te­ten kleinen Einzelheiten, die man bei jener ersten Wiederkehr vor Augen hatte, meist schon nach Wochen oder Monaten wie­der aus dem Gedächtnis geworfen werden. Davon ausgenommen sind nur ehemalige Lebenszentren, die bei der Wiederkehr unvermutet ver­schwun­den waren und als Lücken schmerzlich empfunden werden: 1976 war es die schräg gegenüber dem Elternhaus gelegene gro­ße Hotelwirtschaft auf der Ecke beim Bahnhof (wo mein zum Besuch angereister Großvater einmal übernachtete und ich sei­ner­zeit meinem Bruder das Billardspiel beibrachte); und auch meine ,Spielhölle’, den Treffpunkt erschöpfter oder schwänzender Gym­na­si­a­sten, fand ich 1976, nach gerade einem Jahrzehnt erst, nicht mehr vor. Eine solche Lücke trifft einen wie ein Hieb. Gleich danach frei­lich zeigt sich, dass dieses brutal Hinweggehauene nicht einfach verschwunden ist, sondern sich als räumlich-emotionale Phan­tom­emp­fin­dung weiterhin geltend macht. Eine Empfindung, die den Orientierungssinn des Zurückkommenden noch derart gebieterisch beansprucht, dass man wahrlich konfus werden und einem mit dem verlorenen Mittelpunkt auch die weitere Umgebung entgleiten kann. Ich jedenfalls hielt es bei jener ersten Rückkehr 1976 nicht lange mehr dort aus und musste mich davonstehlen.


Solch schwere Zerstörungen also lassen sich nicht mehr aus dem Gedächtnis werfen. Sonst aber, auch gegenüber größeren Ver­än­de­run­gen, wie ich sie damals bei den Werkanlagen einer Chemiefabrik registriert hatte, setzt sich nach kurzer Zeit wieder das alt­ge­wohn­te Erinnerungsbild durch. Zu erklären wäre dies nicht mehr allein durch die gewöhnliche träge Beharrlichkeit unseres Ge­dächt­nis­ses. Vielmehr scheint da ein starkes Bedürfnis zu existieren, unsere Vergangenheit mit ihren Landschaften und Wohnbereichen möglichst unberührt zu halten, selbst da, wo man sich als Kind eher unbehaglich oder bedroht fühlte. Was mag nur da­hin­ter­ste­cken? Ist es der eifersüchtige Wunsch des Heimkehrenden nach Treue und Gegenliebe, den er sogar der Landschaft ent­ge­gen­bringt und der sich jeder Erinnerungsrevision nach Kräften widersetzt? Oder ist es umgekehrt ein Beharrungskraft oder gar Un­sterb­lich­keits­ver­lan­gen jenes älteren Selbst(-gefühls), das ja an der Fixierung der zähen Erinnerungsbilder am meisten beteiligt war und immer noch den längeren Atem hat?

   Und noch eines fällt in diesem Zusammenhang auf. Es ist dies das auch von anderen öfter beobachtete Phänomen, dass man sich bei der Rückkehr immer wieder dabei ertappt, die Passanten in der einst vertrauten Umgebung unwillkürlich und durchweg falsch


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