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ERINNERUNGSBILDUNG: ÜBER KINDHEITSERINNERUNGEN


Essay über ihre Faszination, Genese und Erkenntnisleistung


Überarbeitete Fassung (Oktober 2014)  der Online-Version von 2006


,
GNOTHI SAUTON

(uralte Delphisch-philosophische Forderung, zudem Motto und Haupttitel von Karl Philipp Moritz' ,Magazin zur Erfahrungsseelenkunde)

 

Als ich im Spätsommer 1976 nach einem Jahrzehnt wieder an das im Dunkeln daliegende ehemalige elterliche Wohn­haus trat und auf dem Klingelschild­chen einige Namen las, an die ich seit meinem Wegzug zum Studium und nach meh­re­ren Woh­nungs­wech­seln kein­mal mehr gedacht hatte, widerfuhr mir etwas Wunderliches. Nicht nur war mir, als ob diese alten Nach­barn feind­se­lig-ver­knö­chert in der Ver­gan­gen­heit hockengeblieben wären, son­dern als ob auch von mir selbst, dessen Fa­mi­lien­na­me dort ver­schwun­den war, et­was gleich­wohl noch vor­han­den wä­re: ein von mir abgetrenntes jugendliches Ich-Phan­tom, das mir, dem vom aus­län­di­schen Wohn­ort wie­der Vor­bei­ge­kom­me­nen, wie vorwurfsvoll zu ver­ste­hen gab, daß ge­wis­se Le­bens- und Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten für mich für im­mer ver­lo­ren wä­ren.


Seit jener ersten Rückkehr registriere ich bei der Annäherung an Lebensräu­me meiner Kindheit und Jugend öf­ter eine verwandte, wenn auch viel schwäche­re Empfindung. Es ist ein beklommenes Vorgefühl, das sich manch­mal stär­ker als Ehrfurcht vor dem Äl­te­ren in mir selbst ausnimmt und die Erwartung auf­baut, dieses äl­te­re, noch nicht voll entwickelte Selbst oder Selbstgefühl hät­te wei­ter­hin Be­stand und wollte mich nun auch durch ma­te­ri­elle Anzeichen davon überzeugen. An Ort und Stelle hat es sich dann für ge­wöhn­lich so weit ver­flüch­tigt, daß von ihm nur noch das Fluidum einer hoffnungslos zu­rückgebliebenen Lebenszeit zu ver­spü­ren ist. Mit­un­ter al­ler­dings ist das schon längst untergegan­gen Geglaubte in der Lage, die Gegenwart so massiv zu in­fil­trie­ren, daß der Zu­rück­keh­ren­de die Er­fah­rung ei­ner zeit­li­chen Doppelpräsenz machen kann. So er­ging es mir mit den Fahr­rad­stre­cken mei­ner Kindheit und Jugend, die noch weit­hin in­takt wa­ren. Da­mals tau­send­mal be­fahren, hatten sie sich in ih­rem gro­ben Ver­lauf fest und wie unantastbar dem Ge­dächt­nis ein­prä­gen kön­nen. Beim Wie­derabfahren der Strecke lassen ei­nen nun die vie­len zu re­gi­strie­ren­den, als sol­che aber nicht er­in­ner­ba­ren De­tails merkwürdig in der Schwebe zwischen Ge­gen­wart und Ver­gan­gen­heit. Ist doch nicht mehr verläßlich zu un­ter­schei­den, ob sich die­se Details in der Zwischenzeit wirklich ver­än­dert ha­ben, oder ob man im­mer noch das vor sich hat, was man da­mals über­sah oder, falls man es doch sah, ir­gend­wann ein­mal ver­gaß.

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