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Eine weitere Erinnerungsgeste zum Abschlu├č von THE SEARCHERS (1:53:37)

Rechts: Quanah Parker neben dem Bildnis seiner Mutter Cynthia Ann Parker

Quelle: www.glennfrankel.com/#!photo-gallery-/cz8g (Photo 33 von 36)


V. Problematische Sinnstiftungen: „Zuhause”/„Daheimsein”/„Heimat”

 

Jener Raubvogelruf war wie eine höhnische Antwort auf das Wort ZUHAUSE, das Julia schon von ihrer Mut­­ter als Trost ver­nom­men hat­te („...Alles wird gut werden. Wir werden schon ein Zuhause finden.”). In John Fords Odyssee ist es das Sehn­­suchts- und Erlösungswort für Deb­bie und Mart. Der erste Dialog der beiden stellt es aber schon wieder in Fra­ge: „Ich erinnere mich. Ich hab nichts ver­ges­sen. Ich ha­be gebetet, daß du kommst, daß du mich nach Hau­se holst. Aber du bist nicht ge­kom­men.” „Aber jetzt bin ich ge­kom­men!” Deb­bie: „Das ist mein Volk ... Geh, Mar­tin, bit­te!” Die Konsequenz, daß Debbie wie die spanische Frau in John Fords spä­te­rem Film ,Chey­enne Au­tumn’ (1964) mit den In­di­a­nern weiterziehen könnte, wird in ,The Searchers’ nicht gezogen, wäre doch sonst der Span­nungs­bo­gen des Films zer­bro­chen. Auch daß der sogleich hinzustoßende Ethan sie er­schießt oder sel­ber von Mart er­schos­sen wird, würde wohl den Zuschauer trotz aller Vorwarnungen verstören – an­ders als im Ro­man, dessen per­spek­ti­vi­sche, alles be­see­len­de Zen­tral­fi­gur Mart ist und in dem Amos/­Ethan von einer Squaw er­schos­sen wird, ohne daß dies noch wei­ter kom­men­tiert wer­den müßte. Ford hat denn auch Schwier­ig­kei­ten, Eth­ans Sin­nes­wan­del plau­si­bel zu ma­chen; des­sen klei­ner Tri­umph, die Skalpierung des von Mart erschossenen Scar, ist dafür längst nicht zu­rei­chend. Die­ses psy­cho­lo­gi­sche De­fi­zit kom­pen­siert Ford durch eine filmpo­e­ti­sche Er­in­nerungs­geste, indem Ethan die vor der Höhle zu Bo­den Ge­stürz­te wie einst das Mäd­chen – bei der Be­grü­ßung im Haus­in­nern – em­por­reißt und in die Hö­he streckt. Deb­bie wie­der­um, nun in Ethans Ar­men fort­ge­tra­gen, er­liegt dem Zauber dieser mär­chen­ha­ften Re­gres­sion und schlingt ih­re Ar­me um ihn, als er er­klärt: „Wir ge­hen nach Haus, Deb­bie.”


Die Schluß­se­quenz des Films mit den Heranreitenden und der Positionierung von Lau­rie, ih­ren El­tern und dem alten Mose im Schau­kel­stuhl nimmt in etwa – sei­ten­ver­kehrt ge­zeigt – die An­fangs­ein­stel­lun­gen für die Ve­ran­da vor Mar­thas Haus auf. Voll­ends zur Re­sti­tu­tio in in­teg­rum („al­les wird gut wer­den”) wird die Szene, wenn Ethan die immer noch wie ein Kind Ge­tra­ge­ne bei Lau­ries Elt­ern ab­setzt. Füh­ren die bei­den sie ins Haus, zieht sich die Kamera vor ihnen ein Stück wei­ter ins dunk­le Haus­in­ne­re zu­rück und gibt die­se wie end­lich ge­si­cher­te Stel­lung nicht mehr preis. Ethan macht noch den Weg für Mart und Lau­rie frei und schaut ih­nen nach; er ver­harrt auf der Ve­ran­da und um­faßt sei­nen rech­ten Ell­bo­gen. Wie zu Be­ginn des Films war wieder ein stär­ke­rer Wind auf­ge­kom­men; Ethan dreht sich um und schreitet davon. Rasch klappt die Tür von In­nen her zu­ und wird al­les in Dun­kel­heit ge­hüllt.

   Ethans letzter Auftritt erinnert noch einmal an seinen Verlust, an Martha und jene wundervolle, von Reverend Clay­ton be­ob­ach­te­te Szene, wie sie über Ethans Waffenrock, den sie über ihren Arm gelegt hat, vor dem Abschied heimlich hinstreichelt. Als sie den Mantel dann Ethan überreicht, hält sie ih­ren Arm weiterhin wie erstarrt mit ausgestreckten Fin­gern vor sich. Es war dies Fords filmadäquate Lösung der von Alan LeMay geschilderten Szene, wie Amos (alias Ethan) nach Scars Überfall den abgetrennten Arm Marthas da­von­trug.

    Zu­gleich ist diese Schlußgebärde, wie überliefert wird, eine Fordsche und Waynsche Er­in­­ne­­rung an die Lieb­lings­ge­ste ihres ge­mein­sa­men Freun­des Harry Carey senior. Der 1947 verstorbene Schauspieler hatte in annähernd 30 Fil­­men von John Ford mitgewirkt.10)

 

Postskript Oktober 2014:

Das von John Ford verfilmte Buch Alan LeMays beruht auf dem Lebensdrama der Cynthia Ann Parker, die 1836 als 9jäh­ri­ge in Ost-Tex­as durch Komantschen, die ihre Familie um­ge­bracht hatten, verschleppt wurde. Ihr Onkel James Parker suchte 8 Jahre lang vergeblich nach ihr und an­de­ren vermißten An­ge­hö­ri­gen. Cynthia Ann wurde derweil die Frau ei­nes Ko­mant­schen­häupt­lings und hatte mit ihm drei Kinder, darunter Quanah Parker, den be­rühm­ten letz­ten Ober­häupt­ling der Komantschen. Als sie mit 34 Jahren nach ei­nem Mas­sa­ker der Tex­as Rangers aufgespürt und gegen ihren Willen zur Fa­mi­lie Par­ker zu­rück­ge­bracht wurde, unternahm sie mehrere vergebliche Fluchtversuche und starb dann den frei­wil­li­gen Hungertod.

    Alan LeMay, Autor vieler Short-Stories und auch etlicher Western-Drehbücher, kannte ihre Geschichte und auch die ihrer Cou­si­ne Ra­chel Par­ker. Diese konnte 21 Mo­na­te nach je­nem Überfall freigekauft werden und veröffentlichte ein Buch über ihre Gefangenschaft bei den Komantschen.


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