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Links: Abgebrannte Landschaft in Arkadien (Foto vom 21.8.1997). – Daneben im arkadischen Dorf Agios Ioannis das neuzeitliche Denkmal für Damaretos, den ersten Olmpiasieger im Waffenlauf (520 v. Chr.)



Karítena in Arkadien. Rechts die moderne und die darunter die fränkische Brücke über den Alpheios
Quellen: www.exploring-greece.gr/en/show/24921/:ttd/MNIMIO-DIMARETU   www.windmillstravel.com/zoom.php?id=6194   http://greekhiking.com/wp-content/uploads/2014/11/IMG_1837.jpg

Donnerstag d. 21.8.1997:

In der Morgendämmerung werden wir in Olympia von Hähnen geweckt, die ausdauernd und aus allen Himmelsrichtungen zu ­krä­hen beginnen. Früh wie selten sind wir diesmal wieder reisefertig. Für die Weiterfahrt von Elis nach Arkadien haben wir die wenig befahrene E074 am Alpheios entlang gewählt, den wir mitunter nah zur Rechten haben. Als wir einen Hain durchqueren, stürzt eine alte Frau daraus hervor, um uns fri­sche Feigen anzubieten. Wenig spä­ter bremse ich vor ei­ner her­an­ei­len­den Schlange stark ab – was den griechischen Gepflogenheiten freilich zuwider sein soll. Bald verändert sich das Landschaftsbild, nach dem Schwemm­land mit seinen Olivenhainen, Obst- und Gemüsegärten durchfahren wir nach einiger Zeit gefällig gestaffelte Hü­gel­land­schaf­ten und kommen öfter an Zypressenhainen vorbei. Die meisten der verstreuten Gehöfte machen einen bescheidenen Eindruck, nur die Ortschaften weisen ansehnlichere Häuser auf. 

   Und dann ein schockierender Anblick: Hügel um Hügel, auf viele Kilometer hin, sind die Wäldchen und auch Haine ab­ge­brannt! Ein Gut in der Nä­he blieb immerhin verschont, auch sind manche Plan­ta­gen­strei­fen seltsamerweise un­ver­sehrt geblieben. War dies ein missratenes Abflämmen nach einer Ernte oder, wie so oft in Griechenland, das Werk von Baulandspekulanten? Waldland darf in Griechenland nicht bebaut wer­den, was aber nach einem solchen Flächenbrand kurioserweise meist erlaubt wird. Am Straßenrand liegen neben den ver­schmor­ten Stämmen der Stromleitung schon Ersatzkabel bereit. Tiefe Stille rings­um, keine Vo­gel­lau­te. Ein Wegstück weiter wird ei­ne schwarz­ge­klei­de­te alte Frau von ihrem Begleiter fest­ge­hal­ten, als wir uns mit dem Auto nähern; vermutlich über diese Be­hand­lung beginnt sie den Mann heftig zu beschimpfen.

    Wir kommen durch das Dorf Agios Ioannis, dessen Bewohner ihrem berühmtesten Sohn Damaretos wohl im vorigen Jahrhundert ein Denkmal gesetzt haben. Nach Pausanías war er der erste Olympiasieger im Ho­pli­to­dro­mos und lief damals noch in voller Rüstung mit Hoplitos, Helm und Beinschienen; er gewann auch bei der nachfolgenden Olympiade 516 v. Chr. (V 8, 10 und VI 10, 4; a.a.O. Bd. 1, S. 249 und 314f.). Hinter dem Dorf en­det wi­der Er­war­ten die asphaltierte Straße. Wir müssen auf grobem Schotter weiter, aus dem dann auch spitzige Steine ragen. Da ein Reifenschaden zu befürchten ist und unser Leasingvertrag nur as­phal­tier­te Stre­cken er­laubt, ent­schlie­ßen wir uns zu ei­nem Um­weg gen Andritsena, um danach östlich in Richtung Karítena abzubiegen. Das bald von Gebirgszügen weit umringte arkadische Hochland ist aus­ge­spro­chen karg und rau, und nur ein­mal be­kom­men wir in dem Landstrich einen Hirten mit seiner Schafherde zu Gesicht dies alles im krassen Widerspruch zu dem bukolisch und auch paradiesisch verklärten Ar­ka­di­en in Vergils Ek­lo­gen, das in zeit­ge­mä­ßen Va­ria­ti­o­nen insbesondere in der Renaissance oder im Rokoko wiedererstand (so 1762 in J. C. Seekatz' Ölgemälde Die Familie Goethe im Schäferkostüm).

   Hinter Andritsena führt die nun serpentinenreiche Straße durch Grüppchen von Berghügeln, bis sich in der Ferne Karítena mit seinem um 1250 erbauten fränkischen Kastell vor uns erhebt. Nach dem von fran­zö­si­schen Rittern und Venezianern getragenen 4. Kreuzzug, der 1204 mit der tagelangen Verheerung des byzantinischen (christlichen!) Konstantinopel endete, vereinnahmten die Kreuzritter oh­ne nen­nens­wer­ten Wi­der­stand die Peloponnes. Ihr vom Papst zum Fürsten von Achaiaernannter Anführer Guillaume de Champlitte begann damit, das Land in fränkische Baronien aufzuteilen und an die 20 sol­cher Bur­gen an­zu­le­gen, bis die Pe­lo­pon­nes nach einem Jahrhundert wieder von Byzanz zurückerobert wurde. Von der bedeutenden Bergfestung Karítena, die den Zugang zu Messenien kontrollierte, ha­ben sich außer den Außenmauern nur we­ni­ge an­de­re Reste erhalten. 1821 konnte der peloponnesische Freiheitskämpfer Theodoros Kolokotronis („Der Alte von Morea”) die von den Osmanen besetzte Festung erobern und baute sie zu seinem Haupt­quar­tier aus.


Der Alpheios hatte einst bei der Ortschaft Karítena einen kaum vier Meter breiten schluchtartigen Durchbruch geschaffen; jetzt überspannt ihn hier eine moderne Bogenbrücke, unter der noch eine fränkische Stein­brü­cke mit angebauter kleiner Kapelle liegt. Ein Kupferstich dieser historischen Brücke war auf der Rückseite der 5000-Drachmen-Banknote wiedergegeben, deren Vorderseite das von dem Historienmaler und General Karl Krazeisen stammende Lithographie-Porträt des Feldmarschalls Kolokotronis zeigte.

   Wir überqueren die Stahlbetonbrücke, um einen Ab­ste­cher hoch in das Berg­dorf zu machen. Ein wohl 80- bis 90-Jähriger bedient uns in einem Laden, der alles Mögliche und Un­mög­li­che führt, darunter Cremes in al­ter­tüm­li­chen Schach­teln sowie Fidibusse. Wir halten nach Käse Ausschau, er vermutet aber eine Suche nach Brot und bringt uns freu­de­strah­lend ei­nen Laib. Als wir diesen ein­packen lassen, tritt ein Mann mitt­le­ren Al­ters her­ein, betastet den verbliebenen zweiten, nicht mehr so frischen Laib und be­ginnt knapp und lei­se auf den Al­ten zu schimp­fen. Das von uns an­ge­bo­te­ne Exemplar freilich möchte er nicht nehmen. Wir setzen uns auf den Bal­kon ei­nes na­hen Ka­fe­ni­ons, das auf das Tal zeigt, werden allerdings bald durch über­lau­te Popmu­sik vertrieben.


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