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Ausschnitt aus dem Azulejo-Panorama von Lis­sa­bon (um 1700): Vom Königspalast außen links über São Vicente de Fora (Mitte oben) und das spä­te­re Panteão Nacional bis hin zum Convento da Madre de Deus (dem heutigen „Mu­seu do Azulejo”) ganz außen rechts







Rechts: Der Marquês de Pombal (Ölgemälde von L.-M. van Loo und C.-J. Vernet, um 1766); daneben die heutige Pra­ça do Comércio, der Vorplatz der Baixa Pombalina



Quellen: http://abrancoalmeida.com/artes/exposicoes/grande-panorama-de-lisboa-azulejo/
   http://4.bp.blogspot.com/-NtuTlRSt9A8/VPcuggK2MFI/AAAAAAAAAmM/OcE8hrssOls/s1600/Marq%C3%AAs%2Bde%2BPombal.jpg

Bei der Praça do Comércio, an der sich bis zum Erdbeben von 1755 das königliche Uferschloß befand, nehmen wir nun den Bus zu dem Kachelmuseum „Museu do Azulejo” (7). Der Busfahrer und meh­re­re Fahr­gä­ste halten uns freundlicherwei­se über die Aus­stei­ge­sta­ti­on auf dem Laufenden. Vor dem Nationalmu­seum bringt man so­eben ein Trans­parent an, das Lis­sa­bon als Ver­an­stal­tungs­ort des „Fe­stes der Oze­a­ne” aus­weist.

   Das Museum (MNAz) ist in den restaurierten Gebäuderesten des ehemaligen Klosters „Madre de Deus” eingerichtet und zeigt als Dauerausstellung Azulejos vom 16. Jh. an bis zur Ge­gen­wart, und zwar aus al­ler Herren Länder. Die Keramik-Kunst­tech­nik des „po­lier­ten/glatten Steins” (von arabisch „az-zulayj”) haben die Por­tu­gie­sen wie die Spanier von den Mau­ren über­nom­men und unter Mitarbeit hol­län­di­scher Künst­ler von den ursprünglich or­na­men­ta­len Darstellungen zu Sze­ne­rien aller Art er­wei­tert. Als Höhepunkt solcher Ka­chel­ma­le­rei gilt die hier im oberen Stockwerk ausgestellte 23 Meter lange Azu­le­jo-Wand, die Lis­sa­bons Pa­no­ra­ma vor dem verheerenden Erdbeben von 1755 zeigt. Sie schmück­te einst ei­nen Saal im Stadt­pa­last der Grafen von Tentúgal und wurde schon Mitte des 19. Jh. von der Lissabonner Aka­de­mie der Schö­nen Kün­ste er­worben. Mit seinen wech­seln­den Per­spek­ti­ven von ei­ner 14 km langen Flußlinie des Tejo her hat dieses Stadtpanorama nicht nur dokumentarischen Wert, sondern auch den Cha­rak­ter ei­nes Nach­rufs.


Lissabon wurde schon 1531 von einem schweren Erdbeben heimgesucht, das in der Stadt und weiteren Umgebung wohl an die 30.000 Todesopfer forderte. Diesmal aber, am Al­ler­hei­li­gen-Morgen vom 1. No­vem­ber 1755, trafen mehrere Faktoren zusammen, die zwischen 20.000 und 100.000 Menschen das Leben kosteten: Es war ein atlantisches See­be­ben der Stärke 8,5 bis 9, dessen Tsunami kaum 10 Mi­nu­ten spä­ter auf die Stadt traf. Viele Überlebende waren zum Hafen geflüchtet, wo sie dann mitsamt den meisten Ge­bäu­den von den Fluten hinweggerissen wurden. Der Tsunami löschte zwar die in der Un­ter­stadt aus­ge­bro­che­nen Brände, die vielen anderen Feuer aber, meist entzündet durch die Flam­men aber­tau­sen­der Kerzen und Herdfeuer an diesem christlichen Festtag, entwickelten sich bald zu einer ge­wal­ti­gen Feu­ers­brunst. Aus den zerstörten Ge­fäng­nis­sen entkommene Ver­bre­cher ta­ten sich zu plündernden und die Bevölkerung terrorisierenden Banden zusammen.

   Über Wochen hin machten Nachrichten von diesen Ereignissen in Europa die Runde und lösten die bekannten geistesgeschichtliche Erschütterungen aus, die weit über die alte Theo­di­zee-Frage hin­aus­führ­ten und schon für aufgeweckte Kinder wie den sechsjährigen Goethe das Gottesbild des „Vaterunser” überhaupt unglaubwürdig werden ließen. Nach­dem von jesuitischer Seite das Ereignis als gött­li­che Ant­wort auf den Geist der Aufklärung und speziell auf entsprechende Reformbemühungen der portugiesischen Re­gie­rung hin­ge­stellt wurde, griff der mit dem Wiederaufbau der Stadt be­auf­trag­te da­ma­li­ge Au­ßen- und spä­te­re Premierminister Marquês de Pombal mit aller Härte durch und mach­te wie mit den Plün­de­rern auch mit den die Katastrophe in­stru­men­ta­li­sie­ren­den re­li­gi­ö­sen Fa­na­ti­kern kurzen Prozeß. Ein 1758 ver­üb­tes At­ten­tat auf König José I nahm er zum An­laß, nicht allein die da­für ver­ant­wort­lich gemachten Adligen und ihre Angehörige in Belém öffentlich fol­tern und hin­rich­ten sowie deren Paläste nie­der­rei­ßen zu las­sen, vielmehr ließ er auch de­ren ein­fluß­rei­chen je­su­i­ti­schen Berater Gabriel Malagrida als Häretiker erdrosseln und auf dem Schei­ter­hau­fen ver­bren­nen. 1761 schließlich ordnete Pombal die Auf­lö­sung des Je­su­i­ten­or­dens in Por­tu­gal und den Kolonien an; gewissermaßen als Satyrspiel ließ er 1768 Molières ,Tartuffe’ ins Por­tu­gie­si­sche über­set­zen und später un­ter Anwesenheit der königlichen Familie im Nationaltheater aufführen (Tartuffe war dabei wie ein portugiesischer Jesuit gekleidet) . – Das Öl­bild zeigt den Marquês vor aus­ge­brei­te­ten Plä­nen für den Wie­derauf­bau Lissabons und auf das schon Geleistete hindeutend.

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Im Azulejo-Museum macht sich Ruth noch für einen neuen Tübinger Schul-Brennofen detallierte Notizen und Skiz­zen zur Fa­bri­ka­ti­ons­tech­nik von Azu­le­jos („... 3. Per­ga­ment­pa­pier mit Na­del gelocht ... 4. mit Ha­sen­pföt­chen geputzt”). Nach einer Erfrischung im Innenhof des Museums nehmen wir den Bus zurück zum Seehafen bei der Pra­ça do Co­mér­cio und las­sen uns dort län­ge­re Zeit nie­der. Welch stän­di­ges Ge­ha­ste hin zu den Fäh­ren! Schwär­me hun­der­ter fet­ter Fische tummeln sich hier in ei­ner wohl war­men städti­schen Zu­fluß­mün­dung. Im an­gren­zen­den hochgelegenen Bairro Alto, das dem gro­ßen Erd­be­ben Stand hielt, scheu­en wir uns gleich­wohl nicht, zu Abend in ei­nem Sou­ter­rain-Re­stau­rant Fisch zu es­sen, den man hier sel­ber zu ent­grä­ten hat.


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