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Links: Auf Ithaka aufgegebene Häuser nach dem Erdbeben von 1953. – Rechts oben: Zerstörungen auf Kefalonia (1953) Darunter der Glockenturm einer Kirche in Zakynthos-Stadt (1953) und daneben einer Kirche in Kourkoulata auf Kefalonia (2014).


Schlüpfende Singzikade. - Das Insekt stand bei den Griechen und Chinesen für die Wiederauferstehung.

Bildquellen: https://mw2.google.com/mw-panoramio/photos/small/67028476.jpg  www.flickr.com/photos/malingering/58831986    http://enjoycookingblog.blogspot.com/2014/04/1953-part-iv-cephalonia.html   www.thepressproject.gr/photos/900x480/kabanario%20collage%20smaller1391692551.jpg  https://de.wikipedia.org/wiki/Zikaden#/media/File:Cicada_molting_animated-2.gif


Sonntag, d. 17.8.97:

Eine der kleinen Buchten, die wir vorgestern auf dem Weg nach Kióni erspäht hatten, hat auch uns endlich einmal zum Baden verführen kön­nen. Es ist ein Kies­strand, weshalb wir bis zum sma­ragd­grü­nen Saum des Wassers lie­ber auf Badeschuhen gehen; sie lassen sich dann auch als tüch­ti­ge Hilfsflos­sen nut­zen. Ei­ni­ge ältere Männer laufen ge­mäch­lich auf und ab, bis sie sich wieder mit erstaunlicher Aus­dau­er dem Schwim­men hin­ge­ben. In un­se­rer Nä­he be­treut ei­ne jun­ge ener­gis­che Frau zusammen mit einer asiatischen Jugendlichen eine Kindergruppe. Al­le schnor­cheln im Wasser, bis auf den Klein­sten, ei­nen un­ge­fähr Vier­jäh­ri­gen, der sich nur behutsam benetzt und dann still und mit zar­tem zu­frie­de­nem Sinn den anderen zu­sieht. Erst nach zwei Stun­den geht uns auf, dass wir uns statt mit Son­­nen­­schutz­öl ver­se­hent­lich mit ei­nem „Son­nen­öl für da­nach” ein­ge­rie­ben ha­ben. So darf ich mir später zum er­sten Mal nach Jahr­zehn­ten wie­der nach ei­nem ve­ri­ta­blen Son­nen­brand die hauchdünne ober­ste Haut­schicht ab­zie­hen.

 

Beim nachmittäglichen Ausflug in die Umgebung von Fríkes kommen wir an einigen Ge­bäu­den vorbei, die nach dem Erdbeben vom August 1953 auf­ge­ge­ben wur­den. In­mit­ten der meist ter­ras­sier­ten Gar­tenanlagen liegt das eine oder andere da, als er­war­te­te es nur den Zeit­punkt seines Neu­aufbaus. Das enor­me Erd­be­ben mit der Mag­ni­tu­de 7,2 auf der Richterskala hatte Ithaka wie die weit größere Nachbarinsel Ke­fa­lo­nia um ein bis zwei Fuß angehoben und hier wie auf an­de­ren Ionischen Inseln die mei­sten hi­sto­ri­schen Gebäude zerstört. Auf den Inseln waren annähernd 600 Tote zu beklagen, und Tausende wan­der­ten da­nach aus. Die Ein­wohnerzahl ging aber nicht, wie oft zu le­sen, erst seit 1953 dra­stisch zu­rück. Hatte Ithaka bei Schliemanns Besuch 1868 noch über 13.000 und zu Be­ginn des 20. Jh. an die 10.000 Bewohner, so waren vor dem Erd­be­ben von 1953 nur noch rund 7000 verblieben; bis in die 1990er Jah­re schrump­fte die Be­völ­ke­rungs­zahl suk­zes­si­ve durch weitere Aus­wan­de­run­gen ins­be­son­de­re nach Australien, Südafrika und Nordamerika auf 2500. – Ge­gen­wär­tig (2019) zählt Itha­ka wie­der un­ge­fähr 3500 Einwohner.

   Seit jenem Erdbeben müssen die Gebäude strengeren Sicherheitsnormen ge­nü­gen und ist nur noch eine Höhe von bis zu zwei Stockwerken erlaubt (was aber sophistisch dadurch unterlaufen werden konnte, dass die Stockwerke aus der An­sicht von der Stra­ße her gezählt wurden und man somit in Hügellage fak­tisch mehrstöckige Häuser errichten durfte). Beim Anblick des im Januar 2014 durch ein neues schweres Erdbeben beschädigten Glockenturms im Dorf Kour­kou­la­ta erinnerten sich viele an die seit 1953 in Griechenland allbekannte Zuschlagsmarke mit dem Glockenturm der Faneroméni-Kir­che in Za­kyn­thos-Stadt.


Ständig begleitet uns nun der Schrillgesang von Zikaden, dem wir bei der Einfahrt in die Bucht von Vathy lausch­ten und deren Sänger wir vorgestern früh mit ei­ni­ger Beklemmung zu Gesicht bekommen hatten: Als wir uns neben der steil ansteigenden Straße nach Stavrós einige Zeit lang auf die nie­dri­ge Rand­mau­er set­zten, ent­deck­ten wir drei uns un­be­kann­te Insekten, die gewissen Gril­len ähnelten. Sie schienen aus­ge­wei­det zu sein, doch waren die Füß­chen fest in die Bor­ke ver­­krallt. Wir fragten uns, ob es wohl Schlupfwespen wären, die ein Vogel oder eine Kat­ze über­rascht hätte? We­nig spä­ter bei der Odys­seus-Bü­ste in Stav­rós ging uns auf, dass es die lee­ren Hül­len (Ex­uvi­en) geschlüpfter Singzikaden waren. Denn hier konnten wir an den Baum­stäm­men et­li­che die­ser Sän­ger in vi­vo nä­her be­trach­ten und auch feststellen, dass sie dank ih­rer Farb­an­pas­sung an die grünbraune Rinde vorzüglich getarnt sind.

   Beim Abend­es­sen am Ha­fen von Fríkes schauen wir ein an­der­mal Gebirgs­zie­gen zu, die vom nördlichen Berghügel her­un­ter­ge­sprun­gen kom­men und an ei­ner ab­ge­le­ge­nen Stelle der Bucht aus dem Meer trin­ken. Ei­ne Se­gel­schul­flot­te trifft ein, de­ren Nach­züg­ler noch im Dun­keln über Lautsprecher ein­ge­wie­sen wer­den. Die­se abend­li­che ma­ri­ti­me Lebensweise bleibt uns fremd, ob im Hafen an­ge­täut oder weiter draußen vor An­ker, als einsame Stall­wa­che oder, wie heu­te bei ei­ner deut­schen Lu­xus­yacht zu se­hen, in­mit­ten der komplett zurückgebliebenen Crew.


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