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Im Blitzlicht: Dr. Hans-G√ľnther Siebert (geb. 1916) bei einem Festakt des von ihm
1965-78 geleiteten HERDER-Gymnasiums Minden (Foto 1967)

Quelle: http://stud3.tuwien.ac.at/~e9625624/nbilder/kopf_m_t.gif  www.mt.de/lokales/­minden/­10922117_­Min­de­ner_­Herder-Gym­na­si­um_­star­tet_­vor_­50_Jah­ren.html?em_index_page=3&set_style=0


Lehrpersonal und Fächer

 

LATEIN


Latein und nichts sonst gibt und von der Sexta bis zur Quar­ta unser Klas­sen­lehrer Doktor Siebert, ein hagerer und na­he­zu kahl­köp­fi­ger Mann mit rand­lo­ser Bril­le. Er ist um die vier­zig, spricht leise, mit sachlich-ernster Miene und wird erst entschiedener, wenn er zu­gleich in ei­ne wie ver­gnüg­li­che, wit­zi­ge und manch­mal auch offen iro­ni­sche Sprech­wei­se fällt, um sich über uns zu be­kla­gen. Sein Lieb­­lings­wort beim Ta­deln ist „hane­bü­chen”. Im­mer wie­der hält er uns man­geln­den Fleiß vor und ver­weist da­bei wie­der­holt auf die Schü­ler der deut­schen Sow­jet­zo­ne, die jetzt so un­heimlich viel lern­ten und uns dar­um später ein­mal über­le­gen sein wür­­den. Wir er­fah­ren bald, daß er ein so­ge­nann­ter Zo­nen­flücht­ling ist.

Laut seiner wie üblich in­zwi­schen freigegebenen Personalakte wurde Herr Siebert im Juni 1943 Studienassessor an der Goetheschule in Dessau und zum Wehr­dienst eingezogen. Er promovierte noch 1943 über ‚Die fremdsprachlichen Ausdrücke im Werke Victor Hugos’. Vgl. diese Links zu der Aktenquelle und zur Dissertation von Herrn Siebert.

   Meine überaus misstrauische Mutter verdächtigte ihn Jah­re später irgendwelcher Spi­o­na­ge, als er sich öfter mit dem Fahr­rad bei uns am Bahn­hof ein­fand und auf je­man­den zu war­ten schien. Sicherlich lag es auch daran und nicht nur an sei­ner so ähn­li­chen Sta­tur und sei­nen im Fol­gen­den be­schrie­­be­nen Tricks und Ge­bär­den, daß Dr. Siebert für mich insgeheim zu einem na­hen Ver­wand­ten des maschinenhaften Gei­­stes­­­men­­schen Nick Knat­ter­ton wur­de. Dies ging mir al­ler­dings erst bei einer ge­nau­e­ren Ana­ly­se die­ses her­um­spio­nie­ren­den Comic-De­tek­tivs auf.


Bei blöden, auswendig zu lernenden Regeln bietet er uns in launiger Hei­ter­keit manchmal eine „Eselsbrücke” an und läßt uns ei­ne sol­che Lern­hil­fe einmal so ein­drück­lich ab­sin­gen, daß ich sie bis heute behalten habe: „a und ab, e ex und de, cum und si­ne, pro und prae: mit Ab­la­tiv” (die vier letzten Sil­ben in Baß­la­ge). Sei­ne Be­mer­kung: „Man muß nicht alles wissen, aber wis­sen, wo man es fin­den kann”, irritiert und er­freut mich dann, ist mir doch, als soll­te sich dieser Rat auch ge­gen den Pauk­un­ter­richt rich­ten, von dem selbst er uns nicht be­frei­en kann. Ein­mal trägt er uns zur Erläuterung von „philoso­phus” die fol­gen­de Defi­ni­ti­on vor: „Ein Phi­lo­soph ist ein Den­ker, der über das Den­ken nach­denkt.” Das klingt ja raffiniert! Es deu­tet auf ei­nen Be­reich weit jen­seits all un­se­rer Lern­stof­fe hin, et­was Geistiges, das bei ihm selbst zu ver­spü­ren ist, wenn es auch öfter spa­ßig er­scheint oder so un­be­hol­fen wie bei seiner Geste, uns mit dünnen schwäch­li­chen Be­we­gun­gen vor­zu­ma­chen, wie die Rö­mer mit ih­ren Schwer­tern han­tiert hät­ten – wobei er uns wohl die Wen­­dung „gla­di­is stric­tis” („mit g­ezück­ten Schwer­tern”) er­klärt. Ze­re­mo­ni­ell und un­ge­konnt zu­gleich kom­men mir auch die Schlä­ge vor, die er aus­nahms­wei­se ein­mal aus­teilt, als er auf ei­nem Schul­aus­flug in ein Wäld­chen un­se­ren Mit­schü­ler Klaus Certa, der ver­bo­te­ner­wei­se einen Baum er­­klet­tert hatte, übers Knie legt.


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