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VI Germanistica



Im Blitzlicht: Dr. Hans-G√ľnther Siebert 1967 bei einem Festakt des von ihm
1965-78 geleiteten HERDER-Gymnasiums Minden

Quellen: http://stud3.tuwien.ac.at/~e9625624/nbilder/kopf_m_t.gif  www.mt.de/lokales/­minden/­10922117_­Min­de­ner_­Herder-Gym­na­si­um_­star­tet_­vor_­50_Jah­ren.html?em_index_page=3&set_style=0


Lehrpersonal und Fächer

 

LATEIN


Latein und nichts sonst gibt und von der Sexta bis zur Quar­ta unser Klas­sen­lehrer Doktor Siebert, ein hagerer und na­he­zu kahl­köp­fi­ger Mann mit rand­lo­ser Bril­le. Er ist um die vier­zig, spricht leise, mit sachlich-ernster Miene und wird erst entschiedener, wenn er zu­gleich in ei­ne wie ver­gnüg­li­che, wit­zi­ge und manchmal auch offen iro­ni­sche Sprech­wei­se fällt, um sich über uns zu be­kla­gen. Sein Lieb­­lings­wort beim Ta­deln ist „hane­bü­chen”. Im­mer wie­der hält er uns mangelnden Fleiß vor und ver­weist da­bei wie­der­holt auf die Schü­ler der deut­schen Sow­jet­zo­ne, die jetzt so un­heimlich viel lern­ten und uns dar­um später einmal überlegen sein wür­­den. Wir er­fah­ren bald, daß er ein so­ge­nann­ter Zo­nen­flücht­ling ist.

Meine überaus mißtrauische Mutter verdächtigte ihn Jah­re später irgendwelcher Spi­o­na­ge, als er sich öfter mit dem Fahr­rad bei uns am Bahn­hof ein­fand und auf je­man­den zu war­ten schien. Sicherlich lag es auch daran und nicht nur an sei­ner so ähn­li­chen Sta­tur und sei­nen im Fol­gen­den be­schrie­­be­nen Tricks und Gebärden, daß Dr. Siebert für mich insgeheim zu einem na­hen Ver­wand­ten des maschinenhaften Gei­­stes­­­men­­schen Nick Knat­ter­ton wur­de. Dies ging mir al­ler­dings erst bei einer ge­nau­e­ren Ana­ly­se die­ses her­um­spio­nie­ren­den Comic-De­tek­tivs auf.


Bei blöden, auswendig zu lernenden Regeln bietet er uns in launiger Hei­ter­keit manchmal eine Eselsbrücke” an und läßt uns ei­ne sol­che Lern­hil­fe einmal so eindrücklich ab­sin­gen, daß ich sie bis heute behalten habe: „a und ab, e ex und de, cum und si­ne, pro und prae: mit Ab­la­tiv” (die vier letzten Sil­ben in Baß­lage). Seine Be­mer­kung: „Man muß nicht alles wissen, aber wis­sen, wo man es fin­den kann”, irritiert und er­freut mich dann, ist mir doch, als soll­te sich dieser Rat auch gegen den Pauk­un­ter­richt rich­ten, von dem selbst er uns nicht be­frei­en kann. Ein­mal trägt er uns zur Erläuterung von philoso­phus” die fol­gen­de Defi­ni­ti­on vor: „Ein Phi­lo­soph ist ein Den­ker, der über das Den­ken nach­denkt.” Das klingt ja raffiniert! Es deu­tet auf ei­nen Be­reich weit jen­seits all un­se­rer Lern­stof­fe hin, et­was Geistiges, das bei ihm selbst zu ver­spü­ren ist, wenn es auch öfter spa­ßig er­scheint oder so un­be­hol­fen wie bei seiner Geste, uns mit dünnen schwächlichen Be­we­gun­gen vor­zu­ma­chen, wie die Rö­mer mit ih­ren Schwer­tern han­tiert hät­ten – wobei er uns wohl die Wen­­dung gla­di­is stric­tis” („mit g­ezück­ten Schwer­tern”) er­klärt. Ze­re­mo­ni­ell und un­ge­konnt zu­gleich kom­men mir auch die Schlä­ge vor, die er aus­nahms­wei­se ein­mal aus­teilt, als er auf ei­nem Schul­aus­flug in ein Wäld­chen un­se­ren Mit­schü­ler Klaus Certa, der ver­bo­te­ner­wei­se einen Baum er­­klet­tert hatte, übers Knie legt.


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