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Klosterschule Roßleben (unweit Weimar)

Oberstudiendirektor Otto Lorenz 1957 (*1911)
Schulleiter in Sterkrade von Januar 1954 bis Juli 1974
Quellen: www.verein-klosterschule.de/   ‘Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums’ (Oberhausen 2005, S. 48)


Unser Schuldirektor

 

Unser „Direx” hat mich nie unterrichtet. Mag sein, daß er ein- oder zwei­mal eine Vertretungsstunde bei uns gab, doch wech­sel­te ich mei­nes Wis­sens in all den Jah­ren kein Wort mit ihm und hatte auch nicht das Ge­fühl, daß er von meiner Exi­stenz ge­wußt hät­te. Ich sel­ber weiß wenig über ihn. Nach der Schul­an­mel­dung erzählt mir Mutter, daß der Direktor noch recht jung und neu an die­se Schule ge­kom­men sei. Nur selten bekomme ich ihn dann zu Gesicht. Meist scheint er sich in dem hinter un­se­rem „Se­kre­ta­ri­at” g­elegenen Zimmer auf­zu­hal­ten und ist nur gelegentlich beim mittäglichen Ver­las­sen des Schul­ge­bäu­des zu er­bli­cken. Gruß­los eilt er vor­über und hält nur an, um ei­nen von uns, den er in ei­ner Flur­ecke vor dem Eulenportal beim Spie­len über­rascht, knapp und scharf zu ta­deln. Von Zeit zu Zeit droht ein auf­ge­brach­ter Leh­rer, den Stö­ren­fried beim näch­sten Mal zum Direktor zu schi­cken, läßt es dann aber in der Regel lie­ber blei­ben.

   Herr Dr. Lo­renz wohnt in ei­nem Neu­bau gleich bei der Sterkrader Friedenskir­che, in der un­ser evangeli­scher Schul­got­tes­dienst statt­fin­det. Re­gel­mä­ßig sitzt er dort in der er­sten Rei­he und hält bei ei­ner Ge­le­gen­heit so­gar die Pre­digt. Oder ist es nur ei­ne An­spra­che von der Kanzel herab?

Die religöse Grundierung unserer Anstalt ging mir erst in der Mittel­ und Oberstufe auf. So bemerkte ich nach einiger Zeit die par­tei­ische Text­aus­wahl un­se­res Eng­lisch­leh­rers Dr. Börgers, der einer ka­tho­li­schen Verbindung angehörte und einem Mit­schü­ler ernst­lich mit dem „In­dex” der ver­bo­te­nen Bücher zusetzte; zudem betätigte er sich über Jahre hin als Zensor ali­as „Be­ra­tungs­leh­rer” un­se­rer Schülerzeit­schrift. Auch sah ich zu mei­nem Be­frem­den, daß ei­ni­ge ka­tho­li­sche Mit­schü­ler noch in der Ober­stu­fe mit dem Ascher­mitt­wochs­kreuz auf der Stirn zum Un­ter­richt erschienen.

   Den päd­ago­gi­schen Werdegang unseres dezidiert pro­te­stan­ti­schen Di­rek­tors skiz­zier­te mein Mit­schü­ler Udo Buhren in un­se­rer Schü­ler­zeit­schrift Der Kreisel’ (Nr. 1/1962) wie folgt: Der Lehrerberuf werde in der schle­si­schen Fa­mi­lieun­seres ‚Chefs’” schon seit sechs Ge­ne­ra­ti­o­nen ausgeübt; nach dem Studium der Klassischen Phi­lo­lo­gie, der Klassischen Archäologie und Germanistik habe er 1938 seine „pä­da­go­gi­sche Prü­fung” abgelegt und sei noch im sel­ben Jahr, mit 27, „Leh­rer und Er­zie­her an der tra­­di­t­ions­rei­chen Klo­ster­schule in Roß­le­ben(unweit Weimar) geworden.

Aus der Klo­ster­schule ... in der er acht Jah­re lebte, hat unser Di­rek­­tor seine Ein­stel­lung zur SMV <„Schü­ler­mit­ver­wal­tung”> mit­ge­bracht ... Oh­ne sie wä­re das In­ter­nats­le­ben kaum denk­bar gewesen. Sie ar­bei­te­te gut mit der Leh­rer­schaft zu­sam­­men. Auf die gleiche na­tür­liche Wei­se soll sich die SMV an un­se­rer Schu­le ent­wi­ckeln, oh­ne Zwang. Die Lehrer sind be­­­reit, je­de Hil­fe zu leisten, die von den Schü­lern ge­wünscht wird.”


Gewiß, dies sind Formulierungen meines Mitschü­lers Udo, und doch do­kumentieren sie einen klö­ster­lichen Ana­chro­nis­mus, der sich mit den restaurativen Tendenzen der west­deut­schen Nachkriegszeit und den oft zu zu vernehmen­den Beschwörungen ei­nes christlich-abend­ländischen Kul­tur­auf­trags gut vertrug. Entgegen dem pauschalen Hilfs­an­ge­bot ver­sag­te er jedoch krass bei so au­ßer­ge­wöhn­li­chen Schü­ler wie den er­wähn­­ten beiden Aus­rei­ßern” Lutz und Maas, die ihrer gei­sti­gen Un­bot­­mä­ßig­keit we­gen in Schwie­rig­kei­ten ge­ra­ten wa­ren und nach ihrer Flucht kurzerhand von unserer Schule verwiesen wurden.

 

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