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Mein letztes Wegstück zum Gymnasium (Foto vom Sommer 1991)

 Auf Seite 8 ist das Gegenstück dieses Fahrradweges zu sehen.


Aura meines Gymnasiums (Phantasiebilder der Gewalt)

 

Als ich im Geiste wieder meine alte Fahrradstrecke zur Schule verfolgte, war mir das letzte Weg­stück, das auf den Park mit dem an­gren­zen­den Gym­na­si­um zuführte, zuerst nicht mehr erinnerlich. Es wurde überlagert vom An­blick einer groß­räu­m­igen Sied­lung, die dort erst vie­le Jahre spä­ter er­rich­tet wur­de und die ich seit meiner ersten Rückkehr 1976 öf­ter vor Au­gen hat­te. Erst als ich ei­nes Ta­ges an ei­nen ge­wissen ag­gres­si­ven Tic dach­te, den ich just in den Jahren um 1975/76 hatte, nämlich gelegentlich in Ge­dan­ken wie ein In­fan­te­rist oder Stoß­truppführer aus­zu­ru­fen: „Sprung auf! In den Nah­kampf!” (oder so ähn­lich), sah ich zu­gleich die­ses ver­schol­le­ne Wegstück plötzlich wieder deutlich struk­tu­riert vor mir.

   Beim Beschreiben des Wegstücks bemerkte ich sodann, daß sich hier eine weite­re (au­to-)­ag­gres­sive Phantasie angesiedelt hatte, diesmal zu einem Leh­rer: Wenn mir Lenz' Tragi­komödie ‚Der Hof­mei­ster’ und die satirisch kommentierte Selbstkastration dieses trauri­gen Helden, eines Haus­leh­rers, in den Sinn kommt, pflegt mir das­selbe Wegstück vorzuschweben.

   Und eine dritte aggressive Assoziation konnte sich noch viel später die­sem Wegstück zu­ge­sel­len. Ungefähr um 1990 hatte ich es wi­eder vor Au­gen, als ich ein Fernsehspiel über Heinrich Himmlers Vater sah, den Direktor des humanistischen Wittelsbacher-Gym­nasiums München, der ei­nen Schü­ler mit kal­tem Sa­dis­mus fer­tig­mach­te.

P.S.: Es war dies der Fernsehfilm Der Vater eines Mörders’ (1985) mit Hans Korte in der Ti­tel­rol­le. Als Vor­la­ge diente die gleichnamige 1980 post­hum erschienene Erzählung von Alfred Andersch, der in dieser Un­ter­richts­stun­de als Schüler zu­ge­gen war.

   

Für die Lokalisierung der Himmler-Asso­ziation und der anderen gewaltandrohenden Phanta­siebilder gibt es für mich nur die eine plau­sib­le Er­klä­rung: Ich habe mich auf meinem alten Fahr­rad­weg endlich meinem Gymnasium genähert, der Stätte so vie­ler Ent­täu­schun­gen, Peinlichkeiten und auch selbst­ver­schul­de­ter Lei­den. Jetzt müß­te ich nur noch in das letzte, kaum 100 Meter lan­ge Weg­stück am Saum des Parks ein­fah­ren, in den schma­len dunk­len, von Baum­kronen über­­dach­­ten Aschen­weg, der di­rekt auf das Gymnasium zu­führt.

Ich fotografierte diesen Zugang schon Mitte der 1980er Jahre und no­tierte damals dazu, daß die­se Wegstrecke in meiner Er­in­ne­rung für den Zeit­raum der Sex­ta und Quinta stehe; und daß mir merkwürdigerweise bei diesem An­blick gar nicht be­klom­men zu­mu­te sei, ob­wohl es doch ein „Phan­tom­bild der Angst” sei. Immer noch ist dieser Anblick des Fotos von kei­nem Ge­fühl be­glei­tet. Da­bei steht er für mich wei­ter­hin für Angst schlecht­hin, als en­ger dunk­ler Kor­ridor, durch den hin­durch ich mich ins Un­ver­meid­li­che zu be­ge­ben ha­be. Emp­fin­dungen hat man freilich bei ei­nem sol­chen tag­täg­li­chen Ein­tritt bes­ser kei­ne mehr.

    Zu meiner Überraschung fällt mir erst jetzt ein, daß sich ja um diesen Zu­gang zum Park und Gymnasium längst schon einige To­des­bil­der an­ge­la­gert ha­ben, die dem Deutschunterricht des dort wohnenden Dr. Lennartz entstammen (vgl. S. 8): die Grä­ber des so kin­der­freund­li­chen Herrn von Rib­beck und des Westgotenkönigs Alarich (als Pfadfinder war ich ein „Ost­go­te”), die Op­fer­fahrt des John Mayn­ard sowie die Morde an dem Hei­de­kna­ben und dem Dich­ter Ibykus. Diese Phan­ta­sie­bil­der, die meine Opferrolle be­zeich­ne­ten und dar­aus ei­ne Art Toten­kult machten, wa­ren zwei­fel­los die see­lisch frü­he­ren und von ei­ner solch magi­schen Ge­walt, daß sie jene aggressiven Erwachsenenphantasien, die offenbar mit ge­wis­sen Leh­rern ab­zu­rech­nen begannen, in ihren Bann zie­hen und in ih­rer un­mittelba­ren Nähe ansiedeln konnten.


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