Home
Impressum
RUTH FLEIGS GALERIE
Schulkinder malen
Bilderbuch Rob. Rabe
Kritzel-Kratzel
HORST FLEIGS TEXTE:
I  Philosophica
II  Reiseberichte
China Okt. 2011
Finnland Sept. 08
Andalusien Sept. 06
Kreta Aug. 05
Sizilien Aug. 03
Griechenland Aug. 01
Ithaka-Peloponnes 97
USA: 1980+1990+2000
Städtetrips:
Marrakech 2015
Davos/Sils 07
Prag Juni 06
Lissabon/Sintra 99
III Zu Wim Wenders
IV Film und Kindheit
V Mitschüler/Schulen
VI GERMANISTICA





Schlangengöttinnen oder -priesterinnen aus Knossos; daneben Schnabelkanne mit Oktopusdekor

Links: Stiersprung-Fresko aus Knossos; darunter zwei Rekonstruktionen des vermuteten Ablaufs
 https://en.wikipedia.org/wiki/Bull-Leaping_Fresco   http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/75/1/Panagiotopoulos_Stierspringen_2006.pdf


Am frühen Nachmittag sind wir von dem Lassíthi-Ausflug zurück und haben noch Zeit für das Ar­chäo­­lo­gische Mu­se­um Irá­k­lio (AMI). Von unserer Fahrtrichtung her ist das Museum nicht leicht an­zu­steu­ern, da wir nicht auf die hö­her­ge­le­gene Zu­brin­ger­stra­ße zum Zen­trum gelangen können und dann wie so oft in kre­ti­schen Städ­ten keine Aus­schil­de­run­gen mehr finden. Als wir end­lich durch das Ge­wirr der Stra­ßen und Gäß­chen den Mu­se­ums­platz erreichen, ha­ben wir we­gen der frühen Schließungszeiten ge­ra­de ein­mal 1 ½ Stun­den Zeit, so daß kaum der Häl­fte der 20 Aus­stel­lungs­räu­me be­sichtigen können. Für die anderen Säle sind wir deshalb am letzten Reisetag noch einmal hierher gekommen.


Das in nur zwei Etagen angelegte Museum wirkt nicht immer über­sicht­lich, zumal es zu­gun­sten re­gio­na­ler Sammlungen immer wieder grö­ße­re Zeit­sprün­ge und -über­lap­pun­gen gibt. Und doch: Wel­cher Reichtum an Exponaten, welch ver­spiel­te künst­le­ri­sche Phan­ta­sie in diesen mi­no­i­schen Zeiten, all diese sur­re­alen Ok­to­pus­se, ge­schnä­bel­ten Va­sen, die Bügelkannen, das hauch­dün­ne Ge­schirr und die­se so eleganten, extrem taillierten Frau­enfiguren, darunter die barbusigen Schlangengöttinnen oder -priesterinnen aus Knossos! Zu bewundern sind ferner Fayenceplättchen mit mehr­stö­cki­gen Haus­fas­sa­den, das Tonmodell eines minoischen Hauses, ein Helm aus Eberzähnen, der vielumrätselte Diskos von Phaistós und vor allem die großen Fresken im oberen Saal.

   Unter diesen Fres­ken mag einem so manches farblich auf­ge­hübscht vorkommen, doch waren wir in dieser Hinsicht schon bei den Repliken in Knossos unsicher. Faszinierend, obgleich schon oft in Abbildungen gesehen, bleibt das Fresko mit dem Jüngling, der soeben auf waghalsig artistische Weise einen heranstürmenden Stier mit einem Salto über­sprin­gt und dabei von zwei an­de­ren Jünglingen unterstützt wird (wegen der Farbgebung hatte man sie früher meist für Frauen gehalten). Die erste der oben abgebildeten be­we­gungs­tech­ni­schen Skizzen stammt von Ar­thur Evans und ist umstritten; Matadore und Rodeospezialisten fürs Niederringen des Stiers („Bulldogging”) hielten es für unmöglich, das Horn eines anrennenden Stiers so in den Griff zu be­kom­men und kon­trol­liert auf dem Rücken des Tiers zu landen. Eine plausiblere Darstellung dieses Ritualsprungs findet sich bei Diamantis Panagiotopoulos: „Der Springer sprang über die Hörner des an­lau­fen­den Stiers ein, stützte sich mit den Händen auf der Schulterpartie des Tieres ab, vollführte einen Überschlag und landete hinter dem Stier auf dem Boden” (s. die zweite Abbildung).


Der kretische Stier hat sich uns längst als das Er­ken­nungs­zei­chen die­ser Kul­tur abgezeichnet, speziell in seiner machtpolitisch spätere Überformung durch das griechische Mythologem um Zeus, der in Stiergestalt die phönizische Kö­nigs­toch­ter Europa nach Kreta entführte und hier in eigener Gestalt den Minos zeugte. Nach Lukian trug sich dies an Zeus’ Geburtsort zu, in der Diktäischen Höh­le, während nach anderen Quellen unter der Platane von Górtys der Schau­platz war. Die­ser Kretische Stier ist das my­tho­lo­gi­sche Sig­num Eu­ro­pas, un­se­rer Ur-Hoch­kul­tur mit den ersten Ge­setz­ge­bern, (To­ten-)­Rich­tern sowie den dä­da­lus­glei­chen Tech­ni­kern und Künst­lern.

   P.S.: Nach jahrelanger Umgestaltung wurde das Museum im Frühjahr 2014 bei verlängerten Öffnungszeiten wieder eröffnet (siehe www.youtube.com/watch?v=WNGuqwqIb5o).


- 5 -
ZurückWeiter
Top
http://www.fleig-fleig.de/