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VI GERMANISTICA



Die Mädchen ohne uns Jungen (wie es außerhalb des Unterrichts meist der Fall war)


Weitere Klassen- und auch Spielkameraden


Manchmal darf ich das Poesiealbum der einen oder anderen Klassenkameradin einsehen und bestaune die darin ein­ge­tra­ge­nen kleinen Spruch­dich­tun­gen, bis ich merke, daß sie durchweg abgeschrieben wurde. Öfter steht wie bei Etta der Na­me „Goe­the” darunter, so wiederholt un­ter dem Spruch „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!” Daß sich auch Leh­rer ein­ge­stragen haben, ist mir nicht geheuer. Sind sie mit den Mäd­chen ver­wandt oder besser bekannt, als wir an­de­ren wis­sen sollen? Über­aus hübsch aber der Anblick, wenn beim Um­schla­gen ei­ner Seite meines Schul­­buchs oder Schreib­hef­tes unvermutet eines jener Glanzbildchen vor mir liegt.

Sollte ich sie eine Zeitlang doch selber gesammelt haben? Oder steckte sie mir vielleicht ein Mädchen anonym zu?


Von den meisten Mitschülern liegen mir drei Grup­pen­fo­tos vor, außer dem mir altvertrauten aus dem 4. Schul­jahr noch ei­nes von den Erstkläßlern sowie von den Kon­fir­man­­den. Un­gefähr ein Drittel der Schüler be­vor­zugt wie ich selbst ein be­stimm­tes Raum­ge­viert als Auf­stel­lungs­po­si­tion. Auch be­haupten sich einige Ge­sich­ter sehr ent­schie­den gegen die übli­che Me­ta­mor­pho­se vom Kind zum Ju­gend­li­chen. Andere durch­laufen in we­ni­gen Jah­ren so er­staun­­li­che Ver­än­de­run­gen, daß sie erst nach wie­der­hol­tem ver­glei­chen­dem Hin­schau­­en zu iden­ti­fi­zie­ren sind. Der eine oder an­dere muß schon in der Grund­schul­zeit Schreck­li­ches durchgemacht ha­ben.


Wie zu erwarten, habe ich die Jungen durchweg deutlicher in Eri­n­ne­rung be­halten als die Mädchen, mit denen ich au­ßer­halb des Unterrichts fast nie zu­sam­menkam. Bei den (Fa­mi­lien-)­Namen war ich öfter unsicher oder irrte mich. Nach Er­mitt­lung der rich­ti­gen Na­men waren die feh­ler­träch­ti­gen As­so­zia­tionswe­ge meist leicht re­kon­stru­ier­bar, et­wa daß ich den Nachnamen ei­nes Po­liti­kers oder ei­nes Sportlers auf je­man­den übertrug, der denselben Vor­na­men hatte; oder daß ich zu dem falschen Nach­na­men „Weiß” schlicht­weg durch das weißblonde Haar des Be­tref­fen­den ver­leitet wurde. Daß mir zu einem meiner Mit­schü­ler we­der Vor- noch Nach­na­me ein­fallen wollten, mag daran gelegen haben, daß er mich phy­sio­gno­misch und in seiner sich stark zu­rück­neh­men­den Höf­lich­keit seit lan­­gem schon an Franz Kafka erinnert hatte und wohl da­durch selber allmählich na­men­los wur­de.


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