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VI Germanistica



Schüler-„Anzeigen” in der ‘Bierzeitung’ zur Mittleren Reife (1962)


ich es einige Zeit lang einsehen kann. Meist ist es nur ein Teil der Ar­beit, aber das ge­nügt schon, um eine aus­rei­chen­de No­te zu erhalten oder mich bloß zu vergewissern, daß auch er ei­ne ob­sku­re Stel­le so ähnlich wie ich aufgefaßt hat.

   All dies läuft denk­bar dis­kret ab, nichts wird von Hand zu Hand ge­ge­ben, kei­ne Re­sul­ta­te werden zugeflüstert, al­len­falls mache ich einmal leise auf ei­ne be­stimm­te Auf­ga­be oder Zu­satz­fra­ge auf­merk­sam. Aber nur ja nicht hei­schend oder flehentlich, wie ich es leider bei manch anderem re­gi­strie­ren mußte.

So war selbst dieses von ei­ni­gen Leh­rern als ab­scheuliches Vergehen hingestellte Delikt, das in der Mittelstufe schätzungsweise von einem Drittel der Schü­ler permanent begangen wurde, durch ein Ethos der Rücksichtnahme und Selbstachtung überformt. Auch ging mir im Lauf der Schul­zeit auf, daß wir mit unseren individuellen Betrugsmanövern einen größeren institutionellen Betrug wett­zu­ma­chen hat­ten. Dieser bestand darin, daß an­dere Schüler systematisch von Eltern und bezahlten Helfern, unter denen sich Stu­di­en­rä­te aus der ei­ge­nen Klasse befanden, nach Kräften ge­för­dert wur­den, während unsereins, nicht einmal mit allen Büchern ver­se­hen und aus­drück­lich nur auf Widerruf an einer höheren Schule, sich al­lein durch­zu­schla­gen hatte. Was vor allem deshalb so schwer­fiel, weil uns an die­sem Gym­na­si­um un­ge­fähr bis zur „Mittleren Rei­fe” der Sinn fürs Ler­nen nicht recht geweckt wurde und tau­sen­de von Vorbereitungsstun­den vorrangig auf das stumpfe verdummende „Pauken” oder Aus­wen­dig­ler­nen hin an­ge­legt waren. Al­so bloß kei­ne Ge­wis­sens­bis­se Jahrzehnte später! Wir betrogenen Betrüger waren vielmehr tüchtige Pragmatiker und borg­ten uns das Nö­ti­ge von Ban­knachbarn, die ja schließlich durch unser Schulsystem schon begünstigt worden waren.

 

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