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Treppenhaus unweit vom Musiksaal (er liegt zur Rechten)

 

Unser Musiklehrer Heinz Nowak (*1915 †1993)
Links 1957/58 im Kollegenkreise; rechts 1967 im Schlafanzug: „Soldaten
müssen zu Bette gehn ...” (Foto von Gerhard Dotzauer)
Quellen: https://fvs-gymnasium.de/index.php?option=com_content&view=article&id=103&Itemid=685
Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums’ (Oberhausen 2005, S. 48) www.max-behrendt.de/jahrgang/bilder/lehrer/gross/nowak-heinz-1969.jpg

 MUSIK


Bis zur Mittelstufe ist Herr Nowak unser Musiklehrer. Wie in „Kunst” und „Sport” geht es hier wohltuend entspannter und mit den Jah­ren im­mer läs­si­ger als im übrigen Un­ter­richt zu. Dafür aber werden diese Fächer offenbar nicht berücksichtigt, wenn über die Ver­setzung ei­nes ge­fähr­de­ten Schü­lers entschieden wird dies im Widerspruch zu der Devise Deo Musis Patriaeüber unserem Schulportal.

   Herr Studienrat Nowak ist in meinem Er­in­ne­rungs­bild vielleicht Mitte drei­ßig, läßt sein dunkles Haar in die Stirn hängen und raucht in den Pau­­sen gern Zi­ga­ril­los. Uns jün­ge­re Schü­ler spricht er wohlwollend und die äl­teren durchweg kameradschaftlich an, wird aber so­gleich ener­gisch, wenn er sich als Di­ri­gent mal diesen, mal je­nen Teil des Schulchors vor­nimmt. Ver­mut­lich schon in der Sex­ta prüft und ver­pflich­­tet er mich für den „Chor”: In einer Un­ter­richts­stun­de läßt er einen Schü­ler nach dem an­de­ren auf dem Kla­vier vor­ge­spiel­te No­tenabfolgen nach­sin­gen; ich ge­be mein Be­stes, wer­de daraufhin als „So­pran” ein­ge­stuft und ha­be von nun an, ohne daß ich mich da­zu be­reit er­klärt hätte, an den Chor­pro­ben teil­zu­neh­men. Sie finden ein­mal wö­chent­lich statt, leider in einer an­ge­häng­ten Schul­stun­de.

 

Zwischen den Proben läßt uns Herr Nowak ab und zu ein er­hei­tern­des Lied­chen sin­gen, so die Parodie: „Wem Gott will rech­te Gunst er­wei­sen/ Den schickt er in die Wurst­fa­brik,/ Und läßt ihn in 'ne Knackwurst beißen ...”. Amü­sant finde ich auch Mo­zarts „Lie­ber Frei­städt­ler, lie­ber Gau­li-Mau­li” so­wie das al­te Landsknechtslied Wir zo­gen in das Feldmit den Ver­sen: „Wir ka­men vor Friaul,/ Da hat­ten wir al­le­samt voll das Maul,/ Stram­pe­demi. Al­lah gib Pro­zen­te/ Und zehn Jahr Ga­ran­tie”.

Letz­te­res war vermutlich eine schü­ler­in­terne Par­odie des uns unverständlichen verballhornten Refrains: „Strampede mi a la mi presente al vostra signori.

 

Sodann läßt Herr Nowak uns manchmal nach Art ei­nes Zap­fen­streichs ab­singen: „Sol­da­ten müs­sen zu Bet­te gehn./ Und nicht so lange mit den Mäd­chen stehn./ Zu Bett, zu Bett, zu Bett.” Wozu paßt, daß er uns gern von sei­ner Sol­da­ten­zeit an der Ost­front er­zählt, doch sind mir die­se eher amüsanten Episoden ent­fal­len. Saß er nicht in Pan­zern oder Flug­zeu­gen, gar wie mein Vater als Fun­ker?

Überhaupt hat er mich jetzt einige Male von fern an mei­nen Vater erin­nert. Es dürfte vor allem an seinem disparaten Ver­hal­tens­stil lie­gen, an der jo­vi­a­len Art, in der er sich mit vie­len Schülern unter­hielt, um schlag­ar­tig wie­der die straf­fe kom­man­die­ren­de Hal­tung des Di­rigenten ein­zu­neh­men. Übri­gens ver­teilte auch er Ohr­fei­gen, doch relativ sel­ten und so, daß ich es ak­­zep­tie­ren konn­te.

   P.S. 2018: Wie ich jetzt von Winand Herzog erfahre, saß Herr Nowak wohl als Navigator an der Seite seines späteren Sterkrader Kollegen Erich Bovenkamp in einem Kampf­flug­zeug. Bovenkamp hätte gern die Anekdote erzählt, wie sie statt der Bomben, die ihnen ausgegangen waren, Ziegelsteine abwarfen und durch das ungewohnte Pfeif­ge­räusch rus­si­sche Soldaten hervorlocken und sodann mit dem MG beschießen (lassen) konnten.

   So ließ denn auch in der ‚Bierzeitung’ unseres Vorgängerjahrgangs zur Mittleren Reife (1961) unser Musiklehrer „Herr Note“ in einem fiktiven Interview verlauten:

„Nun, da war erst mal die ‘gute alte Tante Ju‘ und dann auch die He 111. Tolle Dinger, kann ich Ihnen sagen ... die kamen auch ohne Flügel wieder zum Flugplatz zu­rück ... Meistens mußten wir die Luft ein wenig eisenhaltig machen. Als wir keine Bomben und Munition mehr hatten, schmissen wir einfach Backsteine auf die rus­si­schen Kürbisköpfe.“

 

Als Chorleiter studiert unser Musiklehrer in der Sexta oder Quinta mona­telang mit uns den ‚Struw­wel­pe­ter’-Zyklus <von Siegfried Köhler> ein, aus dem ich noch die Kern­stel­len so ziem­lich aller Episoden her­sin­gen kann. Eine der zwei oder drei Aufführungen, für die unser Kunstlehrer Otto Schäcke ein riesiges Ölgemälde der Titelfigur anfertigte, findet zur Weih­nachts­zeit in einem Sterkrader Al­ters­heim statt.

   Ein andermal begeben wir uns zu einem nahgelegenen Fried­hof, um bei der Beerdigung eines Mit­schü­lers zu singen. Es ist si­cher­lich je­ner Schü­ler, dessen frü­hen Tod un­ser Deutsch­leh­rer Dr. Linnartz so beklagt hatte. Bei den Abi­turs­fei­ern tra­gen wir au­ßer dem „Ge­leit”-Lied auch wie­der­holt den Chor „Wacht auf!” <aus den ‚Mei­stersin­gern’> vor. Wir ha­ben uns da­zu im Mu­sik­saal auf­ge­stellt, des­sen hintere Schie­be­wand zur da­ne­ben­lie­gen­den Turnhalle hin ge­öff­net ist. Drun­ten sit­zen sie in lan­­gen und brei­ten Stuhl­rei­hen; Kü­bel mit Lor­beer­bäum­­­chen und Ähnlichem ste­hen ne­ben dem Po­di­um, an dem der Di­rek­tor, El­tern­vertreter und ei­ner der Abi­tu­ri­en­ten An­spra­chen halten.

Nach ständigen Lärmstörungen wurde die Holzschiebewand zur Turnhalle hin 1958 durch eine massivere Zwischenwand ersetzt und im Folgejahr die durch einen Neubau er­setz­te Turn­hal­le zur Aula umgebaut. Vgl. Schulchronik’ S. 88f. und S. 23.

 

Der mir bis zur Oberprima drohende „Chor”-Besuch wird mir immer lä­stiger. Ihn einfach zu schwänzen, geht nicht, da Herr Nowak unse­re Anwesenheit je­des­mal überprüft. Doch ir­gend­wie schaffe ich es end­lich, da­von frei­zu­kom­men, habe aber ei­ni­ge Zeit da­nach ar­ge Be­fürch­tungen, in Musik noch nachträg­lich geprüft zu wer­den, da ich nun auch dem re­gu­lä­ren Un­ter­richt oft fernblieb.

    Herr Nowak wechselte später auf das Theodor-Heuss-Gymnasium in Dinslaken, wo er wie bei uns als Organist und zudem als Kreis­kir­chen­mu­sik­rat wirkte. Zu den von ihm kom­po­nier­ten oder arrangierten Motetten und geistlichen Liedern vgl. diesen Link.

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