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Um 1957: Das Vorbild für unsere Spottverse auf Herrn Hemrich alias HAMMER;
unten rechts das Firmenlogo mit dem Hammer

Quelle: https://brand-history.com/sujet/700/67877.jpg

ERDKUNDE


Hierin scheint uns also eine Zeit­lang auch un­ser Deutschlehrer, Herr von der Laden, un­ter­richtet zu haben. So­dann, lei­der eben­falls nur für kur­ze Zeit, kommt aus Bo­gotá der lie­bens­wür­dige Dr.(?) Leuschner, „LEO” genannt, zu uns. Er scheint um die 50 Jah­re alt zu sein, hat ei­nen leich­ten Ak­zent und ist für ei­nen Lehrer unge­wöhnlich gut ge­klei­det und frisiert. Uns Unterstufenschüler be­­han­delt er höf­lich, ja re­spektvoll und geht manch­mal in ei­nen beinahe ka­me­rad­schaft­li­chen Ton über, so wenn er den Samm­lern un­ter uns fremd­ländi­sche Briefmarken mit­bringt. Gern er­zählt er uns vom spa­ni­schen Stier­kampf und ver­tei­digt ihn mit stol­zer Hef­tigkeit. Als er ein­mal den Klas­sen­raum be­tritt, be­fin­de ich mich ge­ra­de un­ter dem Leh­rer­pult, und blei­be auch, kühner ge­wor­­den, dar­un­ter, bis er mit sei­nen Bei­nen an mich stößt. Er ta­delt mich da­für, scheint mir aber nicht ernst­lich böse zu sein.

Ich weiß nicht mehr, ob ich unter dem Pult soeben etwas gesucht hatte oder vor ei­nem Wurfgeschoss in Deckung ge­gangen war. Wie auch im­mer, es ent­wickelte sich dann so etwas wie ei­ne körpernahe gefährliche Be­gegnung in einer Are­na.


Bei der Schilderung unseres Sportunterrichts fällt mir wieder ein, daß „Leo” eine Zeitlang auch unser Schwimm­leh­rer war. Statt uns Anfänger im Nicht­schwim­merbecken nichtsnutzige Übungen ma­chen zu lassen, er­laubt er uns dort Was­ser­ballspiele.

*


Zwei oder drei Jahre lang ist Studienassessor Gerd(?) Hemrich alias HAMMER” unser Erd­kun­de­leh­­rer, ein schon ergrauter dick­li­cher und rot­bä­cki­ger Mann um die Mitte 30, der oft in einem rotbraunen Ledermantel er­scheint. Einer der Stu­di­en­rä­te er­klärt uns ein­mal, daß „Kol­lege Hem­rich”, der wie­der einmal gar nicht mit uns zu Rande kam, als Sol­dat an der Ostfront vor Sta­lin­grad? Schlim­mes durch­ge­macht habe. Ham­mer” sel­ber teilt uns dazu nur en­thu­sia­stisch mit, daß sein Front­ab­schnitt an dem Tag, als Hit­ler ihn aufsuchte, „wie eine Eins” allen An­grif­fen stand­ge­­hal­­ten hät­te.

   Im Un­ter­richt legt er sich immer wieder un­geschickt mit einzelnen Schülern an, blickt sie misstrauisch, feind­se­lig oder gar hasserfüllt an und trägt sie oft ins Klassenbuch ein (einige meiner Zeug­nis­se ver­bu­chen je­weils mehrere „Tadel”). Eins ums andre Mal zückt er sein No­tiz­büch­lein und verkündet genüsslich seine Ra­che­no­te. Ein sol­ches Ver­­hal­ten ken­ne ich ei­gentlich nur von anderen Kin­dern.

Zwei Klassenkameraden entsannen sich noch Jahrzehnte später ei­nes kleinen „sadi­stischen Tricks” dieses Päd­a­go­gen: Halb ver­steckt hielt er ei­nen Rohrstock im Jackenärmel, den er dann, um einem Schü­ler einen Stoß zu ver­set­zen, rasch her­aus­fah­ren ließ. Mir däm­mert so etwas, doch ha­be ich es selbst wohl nie er­leiden müs­sen.

   Den nach uns folgenden Jahrgängen erging es mit Herrn Hemrich nicht besser, so schrieb mir jüngst Winand Herzog, der 1959 in die Sexta kam und zuletzt Chef­re­dak­teur unserer Schülerzeitschrift war: Da er die Gewohnheit hatte, immer die Hand in der rechten Hosentasche zu hal­ten, ent­wi­ckel­te sich bei uns das Gerücht, aus Angst vor den Schülern hätte er in der Hosentasche einen Revolver.
   Seine Strafmittel waren vorzugsweise 'Bildbeschreibungen' aus dem Geschichtsbuch .
.. Bei schlimmeren Delikten pflegte er folgendes zur Aus­wahl zu geben: 'Was willst du - eine Eintragung ins Klassenbuch, Schinkenröllchen, Nüssli oder ***?' Wie er das dritte bezeichnete, ist mir im Mo­ment entfallen, gemeint war mit dem ersten, das beidseitige Rollen/Rubbeln der Ohren, das zweite waren Kopfnüsse und das dritte war Knei­fen in die Brust. Entschied man sich für die Eintragung ins Klassenbuch, pflegte er zu sagen: 'Waaas? Feige sind wir auch noch?!?' und dann ei­ne der Kör­per­stra­fen zu vollziehen.

   Im Zuge oder in Vorbereitung seiner Strafaktionen umschlich Herr Hemrich gern unsere Bankreihen. Ein weiterer Schüler eines jüngeren Gym­na­si­al­jahr­gangs schilderte mir zuletzt ein ziemlich drastisches Gegenmittel seiner Klassenkameraden: „Wir malten dann die Ecken der Bän­ke mit Far­be an, die sich als ein einheitlicher Strich um Seine Tweedjacke ausbreitete.“ Auch dieses Detail kommt mir nachgerade vertraut vor, doch kann­te ich es viel­leicht nur vom Hörensagen.


Einige Gymnasiasten, zu denen auch ich gehöre, machen sich kaum verhohlen über Hammer” lustig, geben ihm spöttisch-dreiste Ant­wor­ten und erl­au­ben sich Dinge, die bei an­de­ren Lehrern undenkbar wären. So wer­fen wir ihm und sei­nem Au­to, das er mit einer lä­cher­li­ch un­prak­ti­schen Pla­ne ab­zu­de­cken pflegt, Schneebälle nach, wenn er im Schleich­tem­po nach Hau­se, das heißt zu­rück zu seiner Mutter fährt. Als er mit ei­nem neu­en Mo­tor­rol­ler daherkommt, wird ihm bald hin­ter­her­ge­ru­fen: „Ist der Roller bezahlt?” (Melodie nach der be­kann­ten Er­innerung an die Rund­funk­ge­bühr). Auch der oben genannte Slogan einer Brandwein-Werbung wird gern in „HammersNähe zitiert.

Herr Hemrich wurde 1959 zum Studienrat ernannt und wechselte Mitte 1963 von unserer Schule an das Max-Planck-Gymnasium in Duisburg-Mei­derich.

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