Quelle für das Coverfoto: Hirschgraben-Verlag (Frankfurt/Main 1962)
Eine Randnotiz in meinem Exemplar von Thornton Wilders Theaterstück ‚Our town’ dürfte einen Hinweis von Herrn Börgers wiedergeben: „The moon might be meant symbolically: perhaps for eternity”. Ferner ist da zu lesen: „The living don’t realize the presence of each other.” Der von mir hingekritzelte Name „Heraklit” bezieht sich gewiss auf das resignative Resümee des Textvorworts: „It’s impossible to relive the past”.
1996, beim Wiederlesen von Wilders Stück, kann ich nicht mehr auseinanderhalten, inwieweit die bald in mir aufsteigende Melancholie mich schon damals ergriff, als ich etwa von den morgendlichen Vorbereitungen auf den Schultag las, oder erst jetzt, in der Erinnerung an die Schultage, an denen wir dies lasen. Und würde den kleinen Finger dafür hingeben, könnte ich einer solchen Stunde in meiner Erinnerungsbeschreibung so bewusst folgen, wie es die bei der Geburt ihres zweiten Kindes verstorbene Emily bei Wilder vermag, als sie auf einen Tag, den ihres 12. Geburtstags, zurückkehren darf. Sie hält es kaum eine Stunde lang aus, da sie alles zugleich aus ihrer schon durchlebten Zukunft her erblickt und um so schärfer die Gleichgültigkeit der Lebenden gegen die Gegenwart und gegeneinander erkennen muss. Doch ist eine solch zeitlich gebrochene Perspektive nicht im Grunde auch die desjenigen, der sich reflektiert erinnert?
Schon in der Erinnerung selber also, noch diesseits des Standpunkts christlicher Verheißung, kommt das Skandalon in den Blick, das Th. Wilder wie auch offenbar meinen Englischlehrer umtrieb. Ich meine die Sterblichkeit des Menschen und den zusätzliche Verrat an der Gegenwart im Namen der Zukunft. Und nur in der Erinnerung lässt sich einiges von dem Versäumten wiedergutmachen, so vielleicht meine häufige Abwesenheit vom Unterricht durch diese knappen Porträts einiger Lehrer, denen ich weit mehr verdanke, als ich damals ahnte. Wobei mir jetzt erst aufgegangen ist, dass Macbeths Monolog über das Leben („... signifying nothing”) die angeblich nihilistische Klage des Helden der ‚Nachtwachen von Bonaventura’ (1804) vorbereitet hat, dass nämlich mit dem Tod eines Menschen jedesmal eine eigene Welt untergehe. Weshalb die englische Wendung „learning by heart”, die wir als Aufforderung so oft aus dem Munde von Herrn Dr. Börgers vernahmen, im Falle jenes Monologs keine bloße Phrase blieb, sondern über ‚Bonaventuras’ (August Klingemanns) Totenklage mit den Anstoß zu der vorliegenden Erinnerungsarbeit gab.
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