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Ruth Haag 1987
>Die Erscheinung<
WEITERE POSTSKRIPTE
LETZTE LITERARISCHE GEGENWEHR KLINGEMANNS – ›DIE ERSCHEINUNG‹ (1800)
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heim­lich fort­set­zen konn­te. Als Klingemann das Stück zum erstenmal brieflich erwähnte, bezog er sich nur auf diesen spä­ter von ihm verkappten hi­sto­ri­schen Hintergrund: »Ich be­ar­bei­te jetzt ... die bekannte Geschichte der Eva von Trotha.« (Brief vom 2. 4. 1828 an den befreundeten Dres­de­ner Opern­re­gisseur Karl Theodor Wink­ler, in: ›Au­gust Klin­ge­mann. Brief­wech­sel, hg. von Ale­x­an­der Ko­še­ni­na und Ma­nu­el Zink; Göt­tin­gen 2018, Nr. 260).

   Ob die versteckte Botschaft des Stückes schon das breite zeitgenössische Publikum erreichte, ist mehr als fraglich; einem Teil der Zuschauer dürf­te es ge­graust oder vor Entsetzen den Atem verschlagen zu haben. So zollt der anonyme Rezensent in den Leipziger ›Blättern für li­te­ra­ri­sche Unterhaltung‹ (vom 18. Fe­bru­ar 1831) dem Dramatiker Klingemann zwar pauschal Anerkennung, zeigt sich aber nach dieser Lek­tü­re fas­sungs­los: »Bianca di Sepolcro ist ... ein Trau­er­spiel von lauter Wahnsinnigen dargestellt. .... ein Aufgebot aller denkbaren Schrecken, Ver­wand­ten­mord, Blut­schande, Tempelentweihung, Lei­chen­ver­stüm­me­lung, Brand, Kindes- und Schwesternmord ... Sein Vers ist trefflich; die Bil­der sind furcht­bar; man sollte glau­ben, er näh­me an dem all­ge­mei­nen Wahn­sinn Theil. ... Hier ist Stoff zu 20 Melodramen!«

   In einem Atemzug mit Bianca di Sepolcro‹ sprach Klingemann im dem zitierten Schreiben an Winkler ein weiteres, im Druck nicht nach­ge­wie­se­nes Theaterprojekt an: »Ich be­ar­bei­te jetzt einen wackern dramatischen Stoff: Carl VI. König von Frankreich‹ (bekanntlich der mo­men­tan wahn­sinnige Fürst, welcher wäh­rend je­nes Irrsinns seinen Sohn verfluchte und verbannte – Talma soll diese Rolle meisterlich aus­ge­führt ha­ben) und die bekannte Ge­schich­te der Eva von Trotha.« Klingt dies nicht so, als hätte Klingemann mit ›Carl VI.‹ ein Seitenstück zu sei­nem ge­gen Her­zog Carl II. gerichteten Dra­ma ›Bian­ca‹ ge­fun­den? Eines, das sich gleichfalls in kryptisch annihilierender Tendenz gegen einen irr­sin­nig ge­wor­de­nen Fürsten oder »Lan­des­va­ter«, der seinen künstlerischen »Sohn« vom Ho­fe ver­bannt, in Szene setzen ließe? Ge­meint sein dürf­te übri­gens nicht wie bislang ver­mu­tet Tal­mas Ne­ben­rol­le in Shake­speares ›Hein­rich V.‹, sondern Talmas Titelrolle und Schwa­nen­ge­sang in ›Charles VI‹ von A.-J.-J. de La Ville de Mir­mont, von der in Cot­tas Mor­gen­blattvom 17. 11. 1826 und in dessen Li­te­ra­tur-Blatt‹ vom 16. 2. 1827 be­rich­tet wur­de.


Das von Ruth Haag abgebildete Schriftenverzeichnis ist trotz der Ergänzungen von Klingemanns Hand lückenhaft. Insbesondere aus seiner Früh­zeit blieb bis heute noch die eine oder andere anonyme Publikation unentdeckt, darunter die bei sei­nem er­sten Verleger Carl August Schrö­der in Braun­schweig im Jahre 1800 e­rschie­ne­ne »Arabeske« Die Erscheinung‹. Statt auf südländischen Schauplätzen, wie beim jun­gen Klin­ge­mann üb­lich, spielt der Roman weithin in Ham­burg. In der ersten Hälfte ist es ein Brief­ro­man vor allem zwischen zwei eng­li­schen Freun­den, dem nach Ham­burg ge­zo­ge­nen Ferdinand Belton und dem Londoner Edmund Hower. Das Wei­te­re wird in ei­ner stark auk­to­ri­a­len »Er-Form« er­zählt, da der Lon­do­ner Freund seinem leichtgläubigen Fer­di­nand zu Hil­fe ei­len muss.

   Ein anonymer Rezensent bei der ›Allgemeinen Literatur-Zeitung‹ tat im Mai 1800 den Roman als eine der vielen Nach­ah­mun­gen von Schillers Ro­man­frag­ment ›Der Gei­ster­seher‹ ab, doch handelt es sich bei Klingemann trotz Mas­ke­ra­de, erotischer Verführungsszenerie und Gei­ster­be­schwö­rung nicht um ein po­li­ti­sches Kom­plott, son­dern um eine sehr persönliche Rache-Intrige. In seiner frühromantischen Tendenz weist dieser Ro­man ne­ben wech­seln­den Er­zähl­per­spek­ti­ven zu­sätz­li­ch Fußnoten mit Digressionen und mitunter (selbst-)ironischen Kom­men­ta­ren zu Ver­hal­ten und Ar­gu­men­ta­ti­on der Pro­ta­go­ni­sten auf, setzt von Zeit zu Zeit zu einem li­te­ra­ri­schen Ge­spräch an (vor allem über Shakespeare, bei ge­le­gent­li­cher Er­wäh­nung etwa Tassos, Ariosts, Mil­tons oder des deut­schen Rühr­stücks à la Ko­tze­bue) und lässt sogar ein lei­der nur un­ge­nü­gend aus­ge­führ­tes phi­lo­so­phi­sches Interesse durch­bli­cken – »Ich will Menschen ken­nen lernen, will dieses Mit­tel­ding zwischen Gott und Thier nä­her er­for­schen, und mit dem kal­ten Mantel der Stoa meine heißen Wunden bedecken«, so emphatisch begründet zu Be­ginn der nach Ca­lais über­ge­setz­te Fer­di­nand seine Abreise. Nach glücklicher Zerschlagung jenes Ränkespiels je­doch, das in ei­ner für ihn gei­stes­ver­wir­ren­den mit­ter­nächt­li­chen Geistererscheinung gipfelte, be­kennt sich Fer­di­nand wie sein Freund zu dem Pla­to zu­ge­schrie­be­nen Diktum (Epikurs), das ihm der ent­kom­me­ne In­tri­gan­t und Mac­beth-Ver­eh­rer Wern­eich ernst­lich emp­foh­le­n hatte: »Λαθε βιωσας. Glück­lich, des­sen Le­ben in stil­ler Ver­bor­gen­heit ru­hig da­hin fließt!« (S. 6f. und 226)

    Der Verfasser ist für das geschulte Auge schon nach wenigen Seiten an seinen Schreibvorlieben und seiner Mo­tiv- und The­men­wahl zu er­ken­nen; der Roman freilich ge­hört zu den blasseren Erzeugnissen der Klin­ge­mann­schen Feder.


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